Dostojewski, Fjodor
Geschrieben von: www.julim-journal.de/Jörg Schlewitt
Du willst Dostojewski lesen? Den Schriftsteller mit den großen Problemen, die auch für Erwachsene oft zu schwer sind? Den Schriftsteller mit den enorm dicken Büchern? Nun, bange machen gilt nicht. Wenn die Erwachsenen einem jungen Menschen etwas noch nicht zutrauen, dann reizt den gerade der Zweifel: Das mache ich!(Roland Opitz, S.8)

In diesem dritten Band der Reihe "Kennst du Autoren der Weltliteratur?" des Bertuch-Verlages wendet sich der Leipziger Slawist Roland Opitz gleich zu Beginn direkt an die jungen Leser des Bandes. Die Umschlaggestaltung des Buches könnte ebenfalls ein Anreiz zum Lesen der Biografie sein. Das Porträt des Dichters, in dessen Kopf eine Illustration von Rudolf Sittner zu dem Romanmanuskript „Die Dämonen“ eingefügt wurde, lässt die Persönlichkeit Dostojewskis geheimnisvoll erscheinen. Opitz wählt für sein Buch einen erzählenden Stil, ohne literaturwissenschaftliche Erörterungen und ohne den Erzählfluss störende Fußnoten. Lediglich Briefe und schwarz – weiße Bilder sind in den Text eingefügt. In den 11 Kapiteln werden die folgenden Werke des Dichters vorgestellt: „Netotschka Neswanowa“ (1849); „Schuld und Sühne“ (1866); „Der Spieler“ (1866); „Der Idiot“ (1868) und „Die Brüder Karamasow“ (1881). Für die Kapitel seines Buches wählt Opitz Überschriften, die besonders junge Leser zum Weiterlesen anregen können. Spannende Nacherzählungen verbunden mit biografischen Angaben bereiten die Lektüre der Leseproben aus den literarischen Werken vor.
Die Einführung in das 2. Kapitel Zwei Mädchen schmiegen sich aneinander - „Netotschka Neswanowa“ liest sich so: Doch bleiben wir erst einmal bei der Geschichte. Es sind eigentlich zwei oder gar drei, und die mittlere ist die schönste. Der Reihe nach. Ein armer Geiger lebt mit seiner kranken Frau und einem kleinen Mädchen in einem der Petersburger „Winkel“ – so nannte man die Armenviertel mit ihren schmutzigen, kalten fünften Obergeschossen. Sein musikalisches Talent ist außerordentlich groß, und er weiß das, auch Kenner bestätigen es. Doch ebenso groß ist seine charakterliche Haltlosigkeit. (Opitz S.8 f.) Der Musiker stirbt und das Mädchen Neswanova wächst in der Familie eines reichen Fürsten mit der gleichaltrigen Katja auf. Fast übergangslos führen die Anmerkungen von Opitz den Leser zu den dann folgenden Auszügen aus dem Frühwerk von Dostojewski. Wie später auch, sind in den Text immer wieder biografische Bezüge eingefügt. Zuweilen lesen sich diese Ausführungen von Opitz wie eine Abenteuererzählung, so in dem 3. Kapitel Das Todesurteil, in dem geschildert wird, wie Dostojewski nur knapp der Hinrichtung entgeht und vom Zaren wegen der Mitgliedschaft in einem revolutionären Zirkel in die Verbannung zur Zwangsarbeit geschickt wird. In einem ausführlichen Brief an seinen Bruder, der sich in diesem Kapitel findet, berichtet Dostojewski von diesem leidensvollen Lebensabschnitt (S.19 ff.).
Dem Roman „Schuld und Sühne“ widmet Opitz das nächste Kapitel: Ein Raubmord - „Schuld und Sühne“. Dieses Buch hat Thomas Mann den „größten Kriminalroman aller Zeiten genannt“ (S.27). Diese Wertung wird vielleicht manchen Leser motivieren, den ganzen Roman zu lesen. Opitz wählt eine Leseprobe, in der der heruntergekommene Student Raskolnikow den brutalen Mord begeht. Den ganzen weiteren Roman überlassen wir nun dem Leser, er wird sich nicht langweilen bei der Geschichte, wo der Doppelmörder auch von einem außergewöhnlich scharfsinnigen Untersuchungsrichter nicht seiner Taten überführt werden kann, da keine Beweise zu beschaffen sind (Opitz S.37).
Im 5. Kapitel Und die Liebe? Und die Ehe? - „Der Spieler“ geht es um das komplizierte Verhältnis des Dichters zu den Frauen, die in seinem Leben eine bedeutende Rolle gespielt haben. Fjodor Dostojewski war zweimal verheiratet, das erste Mal unglücklich, das zweite um so glücklicher… Vor allem war er ausgehungert nach weiblicher Zuneigung, nach tiefer Liebe. Er entwickelte in sich eine große Leidenschaft, und es kam zu der sicher zu verurteilenden, aber doch verständlichen Tatsache, dass er 1863 seine schwerkranke Frau … in Petersburg zurückließ und der jungen Polja nach Paris nachreiste. (Opitz, S.42 f.)
Diese Polja Suslowa war die erste große Liebe von Dostojewski. Sie wurde später eine berühmte russische Schriftstellerin. Es blieb eine unerfüllte Liebesgeschichte. Dostojewski beklagte sich bitter in einem Brief an ihre Schwester Nadeshda Prokowjewna über die Zurückweisung.
Die ganz große Liebe, das große Glück kam dann wenig später, und sie entstand unerwartet aus einer Notlage heraus (Opitz S.46). Innerhalb von sechsundzwanzig Tagen musste der Dichter einen Roman schreiben, um einer finanziellen Katastrophe zu entgehen. Eine junge Frau sollte ihm bei diesem fast ausweglosen Unternehmen zur Seite stehen. Opitz bleibt seiner Schreibstrategie treu und verbindet Schilderungen über Dostojewskis Liebe zu seiner späteren Frau Anna G. Snitkina, die ihm als Stenografin bei der Abfassung seines Romans „Der Spieler“ behilflich war, mit der Entstehung besagten Romans.
Im 6. Kapitel Zwei junge Mädchen und drei junge Männer – „Der Idiot“ unternimmt Opitz den Versuch, aus dem vier Teile umfassenden Werk einen Einstieg in die Lektüre des Romans zu ermöglichen. Sehr ausführlich und gut lesbar wird der Anfang des Buches auf immerhin 26 Seiten nacherzählt. Dann folgt die Leseprobe mit 24 Seiten, die der Geschichte der Hauptperson des ersten Teils, Nastasja Filippowna, gewidmet ist. 1862 und auch später hat der Dichter einige Male Reisen nach Westeuropa unternommen. Dabei besichtigte er den sogenannten „Kristallpalast“, der 1851 anlässlich der Weltausstellung in London erbaut wurde. Der Kristallpalast ist auch Opitz’ 7. Kapitel benannt. Dieses monumentale Bauwerk wurde für Dostojewski zum Symbol der kapitalistischen Welt. Dostojewski hatte angesichts der unbeschreibbaren Notlage der russischen Bauern die Verschwendung in Paris und London als gigantische Provokation angesehen (Opitz, S.90). Seine zeitkritischen Anmerkungen hat er in „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch, auch Aufzeichnungen aus dem Untergrund“ (1864) veröffentlicht. Dostojewski schrieb 1862: „Die City mit ihren Millionen und dem Welthandel, der Kristallpalast, die Weltausstellung … Ja, diese Ausstellung ist überwältigend. Man spürt die schreckliche Kraft, die all die zahllosen Menschen aus aller Herren Länder zu dieser einen einzigen Herde zusammengeschlossen hat.“ (zitiert bei Opitz: S.88) In dem 8.Kapitel Napoleon oder Rothschild erörtert Opitz mit Bezug auf die Romane Schuld und Sühne sowie Der Idiot sehr ausführlich das Verhältnis Dostojewskis zu Napoleon und Rothschild. Man muss den Text schon sehr gründlich lesen und das notwendige Hintergrundwissen zu den beiden sehr unterschiedlichen historischen Persönlichkeiten mitbringen, um sich der am Ende dieses Kapitels geäußerten Wertung anschließen zu können: Nicht nur Napoleon ist ungeeignet als Vorbild, Rothschild auch.
Der zielstrebige, brutale Offizier war für seine Zeit ein historisch notwendiger Typ, die sich bereichernde Geldfamilie auch, - als Leitfiguren für junge Leute schienen sie Dostojewski falsche Bilder zu sein (Opitz S.99).
Das folgende kleine Kapitel Untertänige Briefe schließt sich mit nur zwei Seiten an. Es ist nicht ganz einsichtig, warum Opitz diesen Text der Vorstellung des Romans „Die Brüder Karamasow“ (1881) voranstellt. Der Brief ist datiert vom 15./16. November 1876 und an A.A. Romanow Eure Kaiserliche Majestät, Allergnädigster Monarch gerichtet. Opitz fragt den Leser, ob man nach der leidvollen Erfahrung des Dichters mit dem Zaren solche untertänigen Briefe ohne ersichtlichen Grund schreiben sollte. Die Antwort dürfte dem jungen Leser nach der Lektüre schwerfallen.
Im vorletzten Kapitel Drei Brüder – „Die Brüder Karamasow“ stellt Opitz ausführlich dieses Spätwerk von Dostojewski vor. In der Leseprobe findet sich die im Mittelpunkt des Romans stehende Mordszene. Die Episode ist gut gewählt, da sie einerseits eine in sich geschlossene Handlung darstellt und andererseits Rückschlüsse auf die Beziehungen der drei Brüder untereinander zulässt.
Im letzten Kapitel des Buches Der Abschied erfährt der Leser von der schweren Krankheit des Dichters und seinem Sterben. Am Ende des Buches kommt Opitz zu dem Schluss, dass Europas Dichter einen großen Einfluss auf die Entwicklung des Genies von Dostojewski hatten und dass dieser Einfluss während seines ganzen Lebens erhalten blieb (S.121 ff.).
Wie bei den anderen Bänden dieser Reihe des Bertuch-Verlages beinhaltet der Anhang einen biographischen Überblick, Quellenangaben, ein Literaturverzeichnis, einen Bildnachweis sowie Angaben zu dem Literaturwissenschaftler Roland Opitz, der sich u.a. durch die Herausgabe des Dostojewski-Jahrbuches wie verschiedene Veröffentlichungen zur russischen Literatur als Kenner auszeichnet.
Alles in allem hat der Rezensent das Buch Kennst Du Fjodor Dostojewski? mit großem Interesse gelesen und dabei viel Neues zu diesem großen Dichter des 19. Jahrhunderts erfahren. Ganz zu unrecht wird Dostojewski heute viel zu wenig im Literaturunterricht wahrgenommen. Vielleicht kann das Buch dem entgegenwirken. Zu wünschen wäre es. In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass die vorliegende Biografie von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur mit dem Titel „Jugendbuch des Monats Februar 2010“ ausgezeichnet wurde.
Roland Opitz: Kennst du Fjodor Dostojewski?
Bertuch-Verlag, Weimar 2010
ISBN 978-3-937601-75-5
140 Seiten, 12,80 €, ab 16 Jahren


