Berliner Kindheit

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Caroline Roeder (Hrsg.): Berliner Kindheit im 20. Jahrhundert – eine literarisch-fotografische Spurensuche.
Berlin 2006. 240 Seiten, TB 7,50 €

Das Buch enthält autobiografische Texte und Lebensläufe Berliner Autoren und Autorinnen – von Peter Abraham bis Michael Wildenhain, Fotos Berliner Kinder und der Schweizer Fotografin Nelly Rau-Häring, die seit 40 Jahren in Berlin lebt und seitdem beide Seiten der Stadt in Schwarz-Weiß-Bildern festgehalten hat.


Es handelt sich um Texte von je zehn Autoren und Autorinnen, die im Alter sehr unterschiedlich, überwiegend bekannt sind aus dem Schreiben für Kinder und Jugendliche. Nur einige hatten vorher über ihre eigene Kindheit geschrieben, aber alle nahmen die Herausforderung an. Erleichtert wurde ihnen die Zusage offenbar durch das Zugeständnis, dass ihr Text nicht für Kinder sein müsse. Damit ist die Herausgeberin zugleich einem Missverständnis vieler Verlage entgangen, dass Schreiben über Kindheit automatisch Schreiben für Kinder sei.
Man findet einen Text von Klaus Kordon (geb. 1943) mit eher bekanntem Inhalt über sein Aufwachsen in der Stadt vor dem Mauerbau, einen Text von Jenny Erpenbeck (geb. 1967) über ihre Kindheit neben der Mauer oder Anja Tuckermann (geb. 1961 in Selb, in Berlin aufgewachsen) mit einem erschreckenden Text über kindliche Erfahrungen im Drogenmilieu.
Die Mauer als Begrenzung, Spielplatz, Ende der Welt, Ereignis zieht sich durch viele der Texte. Familien, Eltern in erschreckend-bedrückender Nähe oder fast unerreichbarer Distanz, Geschwister- und Einzelkindperspektiven wechseln sich ab. Die Auswahl der AutorInnen überzeugt ebenso wie die Qualität der recht unterschiedlichen Texte. Hinzu kommen die kleinen selbst geschriebenen Lebensläufe, sodass sich das Buch gut als Kompendium aktueller Berliner AutorInnen nehmen lässt.
Zugleich beschreibt die Herausgeberin ein Modellprojekt im Bereich der Leseförderung und der ästhetischen Bildung in Anknüpfung an Walter Benjamins autobiografischen Text „Berliner Kindheit um 1900“.
Die Projektbeschreibung findet sich auf den Seiten 180–193 und nimmt ihren Ausgang auf dem architektonisch umstrittenen Walter-Benjamin-Platz in Charlottenburg. Gefördert wurde das Projekt durch den Hauptstadtkulturfond, ist also nicht in einem Verlag erschienen, sondern nur übers Internet zu beziehen. Unter www.berlinerkindheit.de findet man eine Inhaltsangabe und Konzeptbeschreibung. Die Herausgeberin Caroline Roeder ist Autorin, Literaturwissenschaftlerin und war von 2006-09 Juryvorsitzende für den deutschen Jugendliteraturpreis.
Aber es ist mehr. In der Ausweitung des Buches durch ein Projekt mit Kindern, die die Möglichkeit erhielten, mit Einmalkameras Orte ihrer Kindheit zu fotografieren (Zoo, Schwimmbad) entstand zugleich eine Anregung, wie man mit Kindern/ Jugendlichen zum Thema Kindheit arbeiten kann. Damit weist das Projekt auch über den Berliner Rahmen hinaus.
Die Fotos von Rau-Häring aus 40 Jahren Berliner Geschichte – Ost wie West, was nur durch den Schweizer Pass der Fotografin möglich war – geben dem Buch eine Gliederung und setzen ästhetische Zäsuren. Ihre zeitliche Abfolge und die Verortung kann man im Bildnachweis am Schluss gut verfolgen.
Mit der Bezugnahme auf Walter Benjamin, seine autobiografischen Skizzen einer „Kindheit im 19. Jahrhundert“, und Professor Gundel Mattenklotts sehr lesenswerten Aufsatz „Kindheit in der Glaskugel – über Walter Benjamins Berliner Kindheit“, der das Buch beschließt, gewinnt der Band mehr Gewicht als die einer beliebigen Anthologie Berliner Autoren.
Der Stadtführer Michael Bienert meint: „Um in einer Stadt wirklich heimisch zu werden, müssen wir sie in einen Text verwandeln.“ (S. 199) Damit macht er auch dem typischen Berliner, der aus allen Gegenden Deutschlands nach Berlin gezogen ist, Mut, sich diese Stadt anzueignen.
Es ist ein ästhetisch wie inhaltlich gelungenes Projektbuch, das sich zum Kennenlernen oder für das bewusste Wahrnehmen Berliner Landschaften, äußerer wie innerer, verschwundener wie aktueller eignet.
Ein Geschenkbuch und eine Anregung zum eigenen Suchen in der Kindheit wie in Berlin.