Peter Pohl: Meine Freundin Mia
| Beitragsseiten |
|---|
| Peter Pohl: Meine Freundin Mia |
| über den Autor |
| Alle Seiten |

Wieder greift der schwedische Autor ein Problem heutiger Kinder auf und schreibt darüber einen hinreissenden und in bester Tradition realistischen Kinderroman, den man vielen Lehrern und Eltern empfehlen möchte.
Pohl, Peter: meine Freundin Mia. Aus dem Schwedischen von Kicherer, Birgitta. ISBN 978-3-446, 23791-9, Hanser 2012, 144 Seiten, 13,30 € (Erscheint im Februar 2012)
Linas Mutter ist Alkoholikerin. Die Elfjährige versucht alles, um das Versagen der Mutter vor der Umwelt, in der Schule, im Kindergarten des kleineren Bruders zu verbergen. Das zwingt sie immer wieder zum Lügen und macht sie einsam. In der 5. Klasse hat sie seit einigen Monaten eine Freundin, Mia, mit der sie lachen und schwätzen kann, aber erst als die Mutter Lina rauswirft, weil sie Männerbesuch hat, und Lina zu Mia flüchtet, gestehen sich die Mädchen ihre Lügen ein. Denn auch Mias Eltern trinken. Hilfe gibt es für die beiden Mädchen nur ansatzweise durch eine befreundete Familie.
- Laut Statistik leben 20% aller Kinder in Schweden in einer Familie, in der einer oder beide Eltern zuviel trinken. In Deutschland rechnet man mit 2,5 Millionen alkoholabhängigen Menschen, in deren unmittelbarer Umgebung wiederum ca. 2 Mill. Kinder und Jugendliche aufwachsen http://www.alkohol-hilfe.de/Fakten/kinder_fakten.htm.-
Pohl erzählt eine Freundschaftsgeschichte, das ist das tröstliche, einer Freundschaft zwischen zwei Elfjährigen, die aufgrund des Versagens ihrer Eltern allein gelassen sind und sich nur durch Lügen durch die Anforderungen ihres Alltags winden können. Dennoch zeigen sie Verhaltensweisen wie andere Elfjährige, sie schwatzen ständig, kichern, spielen miteinander, entwickeln ihren eigenen Sprachcode und ....belügen sich.
Pohl folgt zunächst Lina in ihrem Alltag, beschreibt in eindrücklichen kleinen Szenen, wie sie nach Hause kommt, voller Angst, in welchem Zustand sie die Mutter vorfinden wird. Sie greift in ihren Gedanken auf typische Erfahrungen zurück, kein Essen im Haus, Schlüssel vergessen, Gewaltausbruch der Mutter, Launenhaftigkeit, Vorwürfe etc. Dagegen setzt der Autor die Anforderungen von Schule und Kindergarten, die Lina immer wieder zu Ausflüchten und Lügen zwingen, denn ihre größte Angst ist die Auflösung der Familie, weil sie es nicht schafft, den Schein zu wahren.
Voller Anteilnahme folgt man als LeserIn den beiden Geschwistern, wenn Lina ihren verschlafenen kleinen Bruder morgens nicht wachkriegt und deshalb zu spät zur Schule kommt. Über den kleinen Bruder gibt es allmählich eine Brücke zu einer verständnisvollen Erwachsenen, die Lina und Mia Hilfe nicht nur verbal anbietet, sondern praktisch leistet. Aber damit ist noch kein Weg aus der Familienkonstellation beschritten. Diesen lässt der Autor offen, wohl auch weil die offiziellen Wege, die ja auch die Lehrerin und die Erzieherin anbieten, dem Dilemna der Kinder nicht angemessen sind.
Der Autor lässt die beiden Mädchen sagen: “Die Erwachsenen haben immer die Verantwortung”, und man setzt in Gedanken hinzu, nicht die Kinder, selbst wenn die Erwachsenen derartig versagen wie Linas Mutter und Mias Eltern, die in ihrer Hilflosigkeit und Abhängigkeit ihren Kindern immer mehr Verantwortung aufbürden, als diese zu tragen imstande sind.
Gebrochen wird die Thematik noch einmal durch eine fast absurde Szene, als eine Autorin einen Lesebesuch in der Klasse macht und aus einem ihrer Bücher vorliest, das von einem Elfjährigen handelt, dessen Eltern trinken. Die Klasse der Elfjährigen soll darüber diskutieren, was man für diesen Jungen tun könnte, aber weigert sich. Und Lina stellt fest, dass sie nicht einmal ihrer besten Freundin zu sagen wagt, wie es in ihrer Familie zugeht.
Die Sprache Pohls, sein Verständnis für dieses Zwischenalter zwischen Kind und Jugendlicher, machen den Text auch schon für Jüngere lesbar, selbst in den reflektierenden Passagen. Dennoch bleibt es ein Buch, das man einer Elfjährigen kaum, vielen Erwachsenen unbedingt in die Hand geben möchte..


