Zöller, Elisabeth
Geschrieben von: www.julim-journal.de / Petra Baselau
Die 1945 geborene Autorin war bis 1989 Lehrerin, verließ die Schule, um mehr Zeit für das Schreiben zu haben. Sie hat bisher über 50 Bücher veröffentlicht, vom Bilder-, Vorlese-, Erstlese-, Kinder- bis zum Jugendbuch und dabei diverse Themen behandelt. Sie selbst schreibt: «Es gibt Spannendes und Unterhaltsames, Ernstes und Stilles, Witziges und Trauriges. Auch Themen, über die niemand gerne spricht, die aber Kinder doch beschäftigen, kommen in … [den] Büchern vor: Wut, Angst, Gewalt, Trauer, Tod.»
In letzter Zeit hat sie vor allem mit «Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens» (als Taschenbuch bei Fischer in Frankfurt 2006 erschienen, 6.95 €) für Aufmerksamkeit gesorgt (siehe auch hier, didaktische Hilfen findet man hier).
Nun ist bei Fischer ein weiteres Buch erschienen, das sich mit einem Einzelaspekt aus der Zeit des Nationalsozialismus auseinandersetzt: «Vaters Befehl oder Ein deutsches Mädel». Eine Rezension dazu folgt im Anhang.
Wir schreiben das Jahr 1941. Das Leben ist schön und stimmig, alles ist wunderbar einfach und greift ineinander, niemand ist böse und alle gehen freundlich miteinander um. Alles Fassade! Das begreift Paula sehr schmerzhaft und wir verstehen mit ihr nicht, wie sich ihre Welt so wandeln kann. Oder war sie vorher auch schon so, und sie hat sie nur nicht so gesehen? Ein Stück deutscher Geschichte, das wir nicht vergessen sollten, damit sie sich nicht wiederholen kann.
Elisabeth Zöller:
Vaters Befehl oder Ein deutsches Mädel
Frankfurt: Fischer Schatzinsel 2012
ISBN 978-3-596-85447
296 S * geb. * 12,99 € *ab 12 J
Paula ist 15 Jahre alt. Ihr Vater ist Polizist, die Mutter Hausfrau, das Kind ist eingebunden in Schule und ist bereits Schaftführerin im BdM (Bund deutscher Mädel). Ihr kostbarster Besitz ist Hitlers Buch «Mein Kampf» mit einer persönlichen Widmung des «Führers». Ihre beste Freundin ist Mathilda Schubert, Tochter des wohlhabenden Leiters einer Klinik und seiner Frau, die sehr gut malen kann. In ihrer Villa hängen wunderbare Bilder, zum Beispiel das eines Pferdes. Paula reitet manchmal heimlich auf einem der Pferde Mathildas, Paulas Eltern dürfen davon nichts wissen, auch nicht vom geheimen Briefkasten der beiden Mädchen. Kleine Geheimnisse zweier Mädchen.
Aber auch ihr liebevoller Vater hat Geheimnisse, denn er ist zwar «für die Logistik» zuständig, aber von welcher Art diese Logistik ist, wird ihr erst später klar, auch, warum sie plötzlich in eine große Villa ziehen können, die sogar möbliert ist. Viele kleine Hinweise machen Paula erst unsicher in ihrer Liebe zu Führer und Vater, dann entdeckt sie, dass ihr Vater einen Gefangenen prügelt und dass Mathilda durch ihre Mutter Halbjüdin ist, mit ihrer Familie untertauchen muss. Am schlimmsten für sie wird aber das Verhalten ihres Vaters ihr gegenüber. Er will sie zwingen, den Aufenthaltsort der Schuberts zu verraten, was sie nicht machen kann, aber auch nicht machen würde. Da benimmt sich ihr Vater so, wie er sich auch gegen andere «Volksfeinde» benimmt. Es bricht nicht nur Paulas Weltbild aus den Fugen, sie selbst soll von ihrem Vater sogar in ein Straflager eingewiesen werden.
Der Schrecken kommt umso stärker, je heimeliger und zufriedener das Leben zuvor geschildert wurde. Die kleinen Hinweise, dass vielleicht nicht alles stimmt, will man gar nicht wahrnehmen. Gerade als Kind oder Jugendliche darf man schwärmen, sich den Zielen einer positiv gestimmten Gesellschaft hingeben, in der eine intakte Familie und eine enge Freundschaft das Leben bestimmen und auch eine erste Liebe mit einem Jungen, der gut in dieses Lebensbild passt.
Elisabeth Zöller erzählt nach einer wahren Begebenheit, beschließt die Geschichte mit einem siebenseitigen Glossar und einigen Literaturhinweisen. Zu Beginn lässt sie Einstein und Hitler zu Wort kommen. Der eine beklagt, dass die Welt böse sein kann, nicht wegen der bösen Menschen, sondern wegen derjenigen, «die danebenstehen und … gewähren lassen». Der andere beschreibt, wie er sich die eingebundenen Kinder, Jugendlichen und Erwachsene in den verschiedenen Organisationen vorstellt und beschließt: «… und sie werden nicht mehr frei ihr Leben lang.»


