Beskow, Elsa

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Elsa Beskow, geb. Maartman (1874–1953) ist eine der bekanntesten Bilderbuch- und Märchenautorinnen Schwedens. Für ihr künstlerisches Werk, das sich über ein halbes Jahrhundert erstreckte, wurde sie 1952 mit der Nils-Holgersson-Medaille ausgezeichnet.

Nach ihr benannt ist die Elsa-Beskow-Medaille, die seit 1958 von Schwedens allgemeinem Bibliotheksverein jeweils an den Illustrator des schönsten Bilderbuchs des Jahres verliehen wird.

In Deutschland wurde Elsa Beskow ab 1903 bekannt mit der Übersetzung HÄNSCHEN IM BLAUBEERWALD, das auch heute noch in vielen Bibliotheken und Kinderzimmern zu finden ist. Der Verlag Urachhaus hat mehrere Bilderbücher für den deutschen Sprachraum in einer ansprechenden Fassung neu herausgebracht, die der Wiederauflage anlässlich des 50. Todestages von Elsa Beskow in Schweden folgten.

Bilderbücher kommen in der Regel ohne große Erläuterungen aus; so verzichten auch diese auf Informationen über die Autorin und ihr Lebenswerk, aber Kurzbiografien finden sich zum Beispiel auf der Homepage des Verlags, www.urachhaus.com sowie unter www.bonniercarlsen.se/beskow.

Warum sollte man aber Kindern (und den vorlesenden Erwachsenen) nicht erzählen, dass diese Bücher schon 100 Jahre alt sind und somit auch manch überholte Umgangsform enthalten (z.B. Laufstall, Zügel für die Zwillinge in WEIHNACHTEN MIT PETER UND LOTTA), dass die Menschen manchmal Kleider tragen, die schon zu Elsa Beskows Zeit unmodern waren? Warum also nicht ein bisschen über diese Frau und ihr langes Leben und ihr umfangreiches und engagiertes Schaffen erzählen? Das soll im Folgenden geschehen.

Aufgewachsen in einer großen Familie mit sechs Kindern und liebevollen Eltern, veränderten der Konkurs und kurz darauf der plötzliche Tod des Vaters, der ohne ausreichende Absicherung für seine Frau und die Kinder 1889 starb, die familiäre Situation sehr stark. Der älteste Bruder musste eine Lehre außerhalb Stockholms beginnen, die Mutter zog mit Elsa und ihren vier jüngeren Schwestern in einen Haushalt mit den jungen Tanten, die eine Vorschule im Sinne der aufkommenden Reformpädagogik betrieben. Hinzu kam ein Bruder der Mutter, so dass sich vier Erwachsene, drei Frauen und ein Mann um die Kinder kümmerten und später Vorbild für Elsas Bilderbuchfiguren von Tante Grün, Tante Braun und Tante Lila wurden.

Trotz anhaltender finanzieller Schwierigkeiten war die Atmosphäre im Hause Maartmann lebenslustig und anregend. Stark war der Einfluss der Reformpädagoginnen Anna Whitlock und Ellen Key (DAS JAHRHUNDERT DES KINDES, 1900), die ihre Reformideen auch öffentlich vertraten und die Elsas Lehrerinnen wurden. An der Whitlockschen Reformschule, in die Elsa und ihre Schwestern gingen, war u.a. das mechanische Auswendiglernen verpönt. Den Kindern sollten in Glaubensfragen keine Auffassungen aufgezwungen werden – ein deutliches Abweichen von Prinzipien der staatlichen Schulen. Es waren Grundsätze, die in Elsa Beskows Märchen und Geschichten wieder auftauchen. Durch die Verbindung mit Ellen Key gewann Elsa Anschluss an die Frauenbewegung und erste Kontakte zu Frauen der Arbeiterschaft.

Ihre Ausbildung zur Zeichnerin machte Elsa Maartmann von 1890–95 an der Technischen Hochschule in Stockholm. Hier saß sie Natanael Beskow, einem Mitstudenten, 1895 Modell für das obige Bild; während dieser Modellsitzungen verliebte er sich in sie und machte ihr anschließend einen Heiratsantrag. Ein weiterführendes Kunststudium kam für Elsa nicht in Frage, weil die Familie finanziell von gelegentlichen Unterstützungen durch Bruder und Onkel abhängig war. Die Künstlerin hat dies immer als Manko empfunden und auf ihre Schwächen hingewiesen, ohne jemals ihre eigenständige Arbeit aufzugeben.

Ab 1894 zeichnete und schrieb Elsa für die Kinderzeitschrift JULTOMTEN (dt. DER WEIHNACHTSWICHTEL), die im Verlag der schwedischen Lehrerzeitung herausgegeben wurde und deren Motto war: „Nur das Beste ist gut genug für die Kinder“. In dieser Zeitschrift für die Volksschulkinder spiegelt sich wider, wie die Kinderwelt in Schweden um die Jahrhundertwende aussah. Diese Zeitschrift wurde schon 1895 in einer Auflage von rund 25 000 Exemplaren gedruckt und das half Elsa – wie anderen Künstlern ihrer Generation –, schnell bekannt zu werden. 1894–97 arbeitete sie als Zeichenlehrerin an der Whitlockschen Gesamtschule. Ziel des Schulunterrichts in Zeichnen war normalerweise eine bessere Einsicht in die Welt der Technik. An der Whitlockschen Schule konnte Elsa dagegen die Schüler ermuntern, richtig sehen zu lernen und ihrer Fantasie zu vertrauen. Aber ihre Zukunft sah sie nicht in dieser Tätigkeit. 1897 heiratete Elsa nach langer Verlobungszeit den Theologen, Sozialarbeiter, Pazifisten und Psalmendichter Natanael Beskow. Gegen alle Widerstände von Seiten beider Familien – Elsa kam aus einer liberalen, freisinnigen Familie in Stockholm, Natanael aus einer streng pietistischen, småländischen Pfarrersfamilie – hielten beide aneinander fest, auch als Natanael die eingeschlagene Künstlerlaufbahn zugunsten seines früher abgebrochenen Theologiestudiums aufgab. In vielen Briefen und Gesprächen führten beide eine außerordentlich intensive Auseinandersetzung, die auch nach ihrer Heirat ein Leben lang anhielt. Zentrale Fragen der Theologie, die Rolle von Mann und Frau in Familie und Gesellschaft, aktuelle politische Fragen um Krieg und Wahlrecht diskutierten beide ebenso wie Elsas künstlerische Arbeit, für die sie immer Unterstützung bei ihrem Mann fand.

Ihre Illustratorentätigkeit begann Elsa Beskow während der intensivsten Phase der schwedischen Nationalromantik. Aber nicht das heimatliche Dorf, sondern ihr Küchengarten mit den umliegenden Blumenwiesen und der benachbarte Wald wurden ihre künstlerische Landschaft. Die Form ihrer Märchen hielt sich an die der schwedischen Volkssagen (Fridtjov Bergs Sammlung), an H.C. Andersen und Zacharius Topelius. Neben den mehr träumerischen Erzählungen steht eine Reihe von Trollmärchen. In diesen gehören Strebsamkeit und Arbeit zum Leben der Menschen, während die Trolle sich im Schmutz und der Unordnung wohlfühlen. Bald schrieb sie auch die Texte zu ihren Märchen selbst. Zwerge und Elfen der Volkssagen waren bis dahin oft gefährlich gewesen; Elsa Beskow schuf eine Elfenwelt für Kinder, die freundlich, vertraut und voller Spielkameraden ist. Es ist eine natürlich gewachsene Welt, zu der die Märchengestalten gehören wie Blumen und Tiere. 1897 gab sie ihr erstes Bilderbuch SAGAN OM DEN LILLA, LILLA GUMMAN (dt. DAS MÄRCHEN VON DER KLEINEN, KLEINEN FRAU) im Verlag Bonnier heraus, dem Verlag, dem sie trotz gelegentlicher Kritik an der schlechten Wiedergabe ihrer Bilder treu blieb. Ihre Wunschvorstellung von billigen, aber guten Ausgaben ihrer Bilderbücher für arme Kinder konnte sie – leider – nicht durchsetzen.

Die schnell wachsende Familie Beskow wohnte ab 1900 in einer alten Villa in Djursholm (damals) bei Stockholm, die Natanael Beskow aufgrund seiner Arbeit als Prediger und Rektor der Gesamtschule in Djursholm als Domizil angeboten worden war. In der dortigen Kapelle sammelte sich eine Gemeinde, die der Staatskirche kritisch gegenüber stand und ein mitmenschliches Christentum pflegte. Natanael Beskow war als Prediger, Pazifist, Rektor der ersten Volkshochschule und Gründer eines Wohnkollektivs bei Stockholm eng in die Auseinandersetzungen der Zeit verwickelt. Vor allem seine Reden gegen den Krieg 1905 im Streit um die Auflösung der norwegisch-schwedischen Union und 1914 beim Ausbruch des 1. Weltkrieges machten ihn bekannt und umstritten. Dabei waren seine Predigten eher ethisch als parteipolitisch, auch wenn er alle Reformen zugunsten einer Aufhebung der starken Klassengegensätze unterstützte.

Als Mutter von sechs Söhnen (zwischen 1899 und 1914 geboren), in einem gastfreien Haus mit großem Garten blieb Elsa, die auch die Tätigkeiten ihres Mannes aktiv unterstützte, nicht viel Zeit für die künstlerische Tätigkeit. Die Ehe bedeutete für viele Frauen ihrer Zeit das Ende einer selbstständigen Tätigkeit. So beendete Elsa auch ihre Unterrichtstätigkeit als Zeichenlehrerin nach der Heirat, aber nicht ihre künstlerische Arbeit, die sie intensiv und mit der fachkundigen Unterstützung ihres Mannes weiter entwickelte. Doch sie hatte keinen eigenen Arbeitsraum, sondern schrieb und malte an einem großen Tisch im Salon, so dass sie immer im Zentrum des häuslichen Geschehens stand, immer erreichbar auch für die Kinder. Diese standen der Mutter oft Modell, was sie nicht mochten, aber sie liebten es, ihre Bilder entstehen zu sehen.

Ihr künstlerischer Durchbruch kam 1901 mit dem Buch PUTTES ÄVENTYR I BLABÄRSSKOGEN (dt. HÄNSCHEN IM BLAUBEERWALD, 1903).

Wie stark sie an den Diskussionen und Planungen in ihrer Umgebung beteiligt war, zeigt eine Bilderzählung, die sie 1907 für JULTOMTEN schrieb. In LISAS ZUKUNFTSPLÄNEN lässt sie Lisa sagen: „Ich will ein großes weißes Haus auf dem Land kaufen und alle kleinen, armen, elternlosen Kinder sollen dort bei mir wohnen.“ (Zitat in freier Übersetzung nach Hammar, S. 346, Bilder S. 454) Fünf Jahre später entstand das Kinderheim Birkagarten in einem Arbeiterviertel Stockholms, das u.a. von Friedrich Fröbels reformpädagogischen Ideen beeinflusst war. Im dortigen Kindergarten wurden Elsa Beskows Märchen vorgelesen, ihre Bilder gezeigt und als Vorlage für die Tätigkeiten der Kinder genutzt. (s. Hammar, S. 380) Dort entstand 1916 die erste Volkshochschule Schwedens, die sich an Arbeitslose wandte und ohne staatliche Unterstützung auskam. Eine überarbeitete und modernisierte Fassung von LISAS ZUKUNFTSPLÄNEN schrieb Elsa Beskow 1935, direkt nach den Depressionsjahren, in einem Lesebuch für die Grundschule.

1910 kam der Erfolg der TOMTEBOBARNEN (dt. "Aus Erdmännsleins Klause"). Diese Veröffentlichung führte aber auch zu einem heftigen öffentlichen Streit um die Berechtigung von Trollen in Kinderbüchern. Nach einer längeren Zeit der Unzufriedenheit und Niedergeschlagenheit auch durch ihre Doppelbelastung als Mutter und Künstlerin setzte ihr Mann Natanael durch, dass Elsa Beskow im Herbst 1911 zwei Wochen zu Ottilia Adelborg und ihrer Schwester zog, um nur Künstlerin zu sein. Adelborg war gewissermaßen ihre Vorgängerin als Bilderbuchkünstlerin, und beide verband eine Freundschaft besonderer Art. Ottilia Adelborg ist bis heute vor allem für ihre Sammlung von Liedern und Reimen aus dem Volks- und Kindermund und ihr Blumenalphabet von 1893 bekannt.1896 war mit PELLE SNYGG OCH BARNEN I SNASKEBY eines der ersten modernen Bilderbücher Schwedens erschienen. Elsa nutzte und genoss offenbar die intensiven Arbeitswochen und die methodischen Anregungen Adelborgs. Ergebnis dieser Wochen war PELLES NYA KLÄDER (dt. PELLES NEUE KLEIDER), 1912. Es ist das einzige Bilderbuch ihrer umfangreichen Produktion, in dem sie ganz auf das Märchenhafte verzichtet, das sonst ein Kennzeichen ihrer Bilderbücher ist. In seiner sachlichen Darstellung vom Tauschwert von Arbeit wirkt es ganz realistisch. Elsa Beskow setzte sich in dieser Zeit besonders stark mit dem Verhältnis von Realität und Fantasie auseinander, was sie immer beschäftigt hatte.

Den Ausbruch des 1. Weltkrieges und das Hungerjahr 1917, das schwerste Jahr für Schweden seit 1860, mit Hungerkrawallen auf Stockholms Straßen, verwies die große Familie noch stärker auf den Garten und seine Produkte, Kartoffeln, Kaffee, Textilien und Kerzen waren rationiert. Das spiegelt sich in der Gegenüberstellung zweier Gartenbücher deutlich wider. In LASSE LITEN I TRÄGÅRDEN (dt. KLEIN-LASSE IM GARTEN) von 1920 stehen die Farbigkeit und der Reichtum des Gartens im Mittelpunkt. Aber im Gegensatz zum BLUMENFEST von 1914 thront nicht mehr die Rosenkönigin im Mittelpunkt. Die Hierarchie ist abgeschafft. Jetzt trägt Frau Weißkohl ihre leckeren Blätter wie eine Krone und singt ein Loblied auf ihren Nutzwert! In den fünf Bilderbüchern über Tante Braun, Tante Grün und Tante Lila (1918, 1925, 1942, 1947) schildert Elsa Beskow einen ganz neuen Familientyp, einen Frauenhaushalt mit den zwei adoptierten Kindern Peter und Lotta, dem Pudel Prick und dem Hausmädchen Esmeralda. Als einziger Mann taucht hin und wieder Onkel Blau auf, den die Tanten zwar bewundern, dessen pädagogische Haltung Beskow jedoch im Bild oder im Ablauf der Handlung kritisiert. Diese Familienkonstellation erinnert deutlich an eigne Erlebnisse in ihrer Herkunftsfamilie, aber auch an die Ideen etwa Ellen Keys, die von einer „sozialen Mutterschaft“ geschrieben hatte. Auffällig an diesen Bilderbüchern ist auch die dominierende Farbwahl grün, braun und lila, die die Bücher bei ihrem Erscheinen deutlich von der üblichen grellbunten Farbpalette anderer Bilderbücher abhob. Die Kleider der Tanten sind schon für die 20er Jahre unmodern, sie verweisen die Geschichten in die Vergangenheit. Thematisch spielt das Verhältnis von Sprache und Liebe eine wichtige Rolle, wobei Onkel Blau das Prinzip des Intellekts vertritt, während die Tanten einen Entwicklungsprozess in den Büchern durchmachen, der sie teilhaben lässt an der inneren Welt, die Elsa Beskow schon ab dem ersten Buch in ihrer Welt aufleuchten lässt.

Mit ihren Märchen für ältere Kinder hatte Elsa Beskow nicht den gleichen Erfolg wie mit den Märchenbilderbüchern für die Kleinen. In den Geschichten für die Schulkinder stellt sie mehr theoretisch die Frage nach der Bedeutung der kreativen Fantasie. Sie behandelt in mehreren Märchen den Unterschied zwischen der äußeren und der inneren Wirklichkeit und ruft die Kinder dazu auf, ihren eigenen Sinnen zu trauen. Diese seien der Spiegel, den die Seele der Natur entgegenhalte, um den Wert der eigenen Fantasie zu erkennen. Das ist z.B. das Thema in DER UNSICHTBARE GARTEN in MUNTERGÖK (dt. SPAßVOGEL) von 1919. 1922 starb der jüngste Sohn durch einen Unfall, was für beide Eltern einen sehr schmerzlichen Einschnitt bedeutete und sich in Elsas Produktion widerspiegelt. Nach einer Mittelmeerreise im Frühjahr 1931 entstand SOLÄGGET, 1932 (dt. DAS SONNEN-EI). Die Apfelsine im Zentrum des Buches ist ohne diese Erfahrung unverständlich, da sonst nur die einheimische Fauna und Flora in ihrer Märchenwelt vorkommen. In den 60er und 70er Jahren warf man ihr vor, autoritär zu sein und die Erwachsenen immer im Recht gegenüber den Kindern zu zeigen. Angelika Nix stellt demgegenüber in ihrer Doktorarbeit von 2002 fest, dass Elsa Beskow schon mit HÄNSCHEN IM BLAUBEERWALD die Partei des Kindes ergriffen habe. Beskows Märchen wurden aus dem Alltag der Kinder entwickelt. Arbeit bedeutete für eine Künstlerin, die im Sinne der Reformpädagogik der Jahrhundertwende aufgewachsen war, gemeinsame Arbeit als Grundlage des sozialen Lebens, was für die individuelle Entwicklung des Kindes wichtig sei. Hier ist eine deutliche Parallele zwischen Elsa Beskows realer Welt und ihren Bilderbüchern zu finden wie auch ihre Bücher immer wieder eigene Erfahrungen, Beobachtungen, Erlebnisse in einer eigenen Bildersprache spiegeln.