Ohne Worte

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Der Peter Hammer Verlag hat seit 2008 drei wunderbare Bilderbücher von Béatrice Rodriguez veröffentlicht, das erste ist bereits in der 7. Auflage erschienen. Drei schmale, querformatige Bücher, vorwiegend in Grüntönen gehalten, was wunderbar zum Rotbraun der männlichen Hauptperson und dem Rot am Kopf der weiblichen passt.
Das erste Besondere an den Büchern ist, dass sie alle ohne ein einziges Wort auskommen, keine Sprechblase, kein Kommentar, allein ein Titel. Das zweite Besondere ist die Auswahl der Charaktere, die «gegen den Strich» besetzt sind, ist der eine doch der Fressfeind der anderen. Spätestens jetzt wissen wir, dass es sich um Tiere handelt, nämlich um einen Fuchs und ein weißes Huhn.
In allen drei Geschichten wird mit der Erwartung des Klischees gespielt: Wird der Fuchs jetzt das Huhn fressen? Oder wird er das Ei verschlingen? Neben den beiden spielen in den ersten beiden Bänden noch drei andere Hauptpersonen mit: Bär, weißer Hase, Hahn.

 

 

Béatrice Rodriguez:
Der Hühnerdieb
Wuppertal: Peter Hammer 2008
www.peter-hammer-verlag.de
ISBN 978-3-7795-0202-9
28 Seiten * 9,90 € * ab 03 Jahre



Spätestens bei der zweiten Nacht der Verfolgungsjagd kommt uns etwas sehr merkwürdig vor: Fuchs und Huhn spielen in der gemütlichen Höhle bei warmem Kerzenschein Schach und schlafen dann Arm in Arm. Sollte diese Entführung etwa nicht dem Aufgefressenwerden dienen? Haben wir es hier etwa mit dem alten Ritus der Braut-Entführung zu tun? Oder hat sich jener Zustand blitzschnell in diesen verwandelt? Entführte beginnt, den Entführer zu lieben und umgekehrt? Egal, gut geht sie jedenfalls aus, diese Geschichte.

Das sieht lange allerdings nicht so aus. Die drei Verfolger sind im dunklen Wald schon mal total müde und kaputt und übernachten – gar nicht weit von den Verfolgten übrigens – in den Astgabeln eines hohen Baums. Am Morgen nehmen sie die Fährte wieder auf, kommen sich ganz nah, die beiden Gruppen, jedoch kann der Bär den beiden anderen in die engen Berghöhlen nicht folgen. Hase und Hahn sind wohl nicht tapfer genug.
Nachdem sie ein Meer durchqueren müssen – Fuchs und Huhn im Ruderboot auf leicht welligem Wasser, Hase und Hahn auf dem starr gestrecktem Bären in turmhohen Wellen (eine schöne Hommage an Hokusaï) – klärt sich auch gleich alles auf: ein richtiges schönes „Happy End“ mit warmen gelben Farben am Kaminfeuer. Schön, dass es noch solche Liebe gibt.



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Béatrice Rodriguez:
Das Zauberei
Wuppertal: Peter Hammer 2011
www.peter-hammer-verlag.de
ISBN 978-3-7795-0355-2
28 S * 9,90 € * ab 03 J



Im französischen Original heißt das Buch «Die Rache des Hahns», aber der Hahn rächt sich gar nicht, er ist eher stinksauer, dass ihn das weiße Huhn verlassen hat, verliebt ausgerechnet in ihren Entführer, den Fuchs. Man glaubt es nicht. Aber dann findet der Hahn in einer entfernten Höhle gleich neben dem Gerippe ein Ei – und er ist glücklich. Nur noch heile nach Hause bringen …
Béatrice Rodriguez setzt Tiere gegen deren Charaktere und Lebensorte. Fuchs liebt Henne und die ihn, der verlassene Hahn hat einen Bär und einen weißen Hasen zum Freund. Die Drei sind im Ruderboot zurück in die Heimat, der Hahn wütend, trotzig, im Inneren verletzt, sitzt mit verschränkten Armen/Flügeln hinten und beide lassen den Bär rudern. Die Überquerung des Meeres wäre wohl auch bald erledigt, doch ein Sturm peitscht das Meer (eine Hommage an den japanischen Künstler Hokusai, obwohl seine «Große Welle vor Kanagawa» spiegelgleich zu unserer geschnitzt wurde) und unsere drei stranden auf Riesenschildkröten, die sie in die große Höhle tragen. Von da an wird es hektisch, denn der Hahn sieht ein Ei, das sofort «sein» Ei wird, das er unbeschadet nach Hause tragen muss. Ein beschwerlicher Weg folgt.
Das schmale querformatige Buch macht sich noch schmaler, weil die Bilder auf Doppelseiten gedruckt sind. Da muss man manchmal mehrere Szenen in ein Bild integrieren, aber auch starke Bewegung von links (die Ferne) nach rechts (das Zuhause) ausdrücken. Gefühle werden nötigenfalls auch gegen die Natur ausgedrückt: Dder Hahn zeigt im geöffnete Schnabel seine Zähne, fast ein Besessener in der selbst gestellten Aufgabe, das Ei heil nach Hause zu tragen. / Der Hahn kümmert sich nicht um seine in Seenot geratene Freunde, das macht eine ganze Herde Fledermäuse. / Das hilfreiche Glühwürmchen und der offensichtlich den Bären bewundernder Fisch dürfen auch in der friedliche Schlussszene auftreten.
Der Hahn hat zwar nur noch zwei Hennen, aber dafür gedeiht der Nachwuchs prächtig (auch der neue, andere) und Pascha ist er immer noch. Seine Freunde dürfen teilhaben.
Es gibt viel zu erzählen in diesem Bilderbuch ohne Worte. Es gibt viel zu interpretieren in den Bildern, Gefühle zu erkennen und zu beschreiben. Deswegen sollte das Kind eben nicht allein schauen («…endlich muss ich mal nicht vorlesen…»), sondern zusammen mit Oma, Opa, Mama, Papa, älteres Geschwister.


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Béatrice Rodriguez:
Das Hühnerglück
Wuppertal: Peter Hammer 2012
www.peter-hammer-verlag.de
ISBN 978-3-7795-0386-6
28 S * 9,90 € * ab 03 J



Der dritte Teil des ungleichen Paars: Fuchs und Huhn haben sich wider alle Vernunft verliebt, und ihr Verhalten widersteht (bisher) jeder bisherigen Erfahrung. Hühner sind nun mal Futter und der Fuchs ist einer der schlimmsten Fressfeinde. Hier also gerade nicht. «Bisher», denn der Kühlschrank ist leer. Das Huhn also fort zum Angeln, während der Fuchs auf das Ei aufpasst. Doch die Rückkehr des Huhns lässt auf sich warten, denn den Fisch wollen ihm andere streitig machen. Ein wildes Abenteuer beginnt.
Da ist das kleine Häuschen, in dem Fuchs und Huhn und Taschenkrebs wohnen, eingepasst im Fuß eines großen Baums, direkt am gelben Strand, am Rand des lichten Waldes dahinter. Dort wartet also der hungrige Fuchs mit dem Ei auf die Rückkehr des Huhns. Als das Huhn endlich zurückkehrt, sieht es als erstes die zerbrochene Eierschale …
So müssen Bilderbücher sein, spannend und dennoch überschaubar, die Geschichte in kleinen Happen erzählt mit eindeutigen Bildern (ersatzweise wenig treffender Text, der der Geschwätzigkeit eine lange Nase dreht) und dabei eine Reihe von Werten transportiert, vom Risiko des Vertrauens, von der Beharrlich- und Gerechtigkeit, von Freundschaft und die Sorge um den anderen, von Mut und nicht zuletzt von Liebe.

Obwohl auch das dritte Buch für sich allein verständlich ist, so bildet es mit den beiden Vorgängern zusammen eine Einheit, die allerdings in der richtigen Reihenfolge «gelesen» werden sollten.

uhb