GRAUSLICH oder GRÄSSLICH -Bilderbücher der anderen Art

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In letzter Zeit sind eine Reihe von Büchern – vor allem auch Bilderbücher – auf den Markt gekommen, die nicht in das Bild vom »Süßen« oder »Lehrreichen« oder »Schönen« passen wollen. Im Gegenteil: Es wird Schreckliches gezeigt, wir vermuten, dass Ängste geweckt werden anstatt diese zu bekämpfen.

Maurice Sendak, dem Erwachsene Ähnliches besonders mit seinen „Wilden Kerlen“ nachsagten, vermutete, dass die meisten Autoren (und Illustratoren) die Kinder wohl für Idioten hielten – was sie nun absolut nicht seien. Man muss sie ebenso ernst nehmen in jeder ihrer Phasen auf dem Weg zum Erwachsenwerden, wie sie es – dort angekommen – wohl auch erwarten dürfen. Die Ängste, die Befürchtungen, das Grauen oder sogar der Ekel, Gefühle, die uns beim Betrachten oder Lesen überkommen, haben einen Hintergrund, der in der Erfahrung liegt. Wenn wir von „Wölfen in den Wänden“ lesen, dann erinnern wir uns vielleicht an Ungeziefer, dass wir einst in Mauerrissen sahen oder an Geräusche, die wir nicht zuordnen konnten. Wenn wir hohe und dunkle Mauern sehen, kommen gleich viele Geschichten von Eingesperrt und Vergessenwerden in uns hoch. Kinder schauen, hören und erfahren anders, wenn sie nicht durch uns angesteckt werden. Ein riesiges, geiferndes Wolfsmaul nehmen Kinder, die mit Hunden aufwachsen, ganz anders wahr als wir, die wir, die wir in den Sensationsnachrichten oft von Schrecklichem gelesen haben.

Im Folgenden stellen wir einige Bücher vor, die uns besonders auffielen. Das erste ist 2010 erschienen und behandelt die Ängste eines Jungen, dessen Mutter offensichtlich gestorben ist. Im Stil eines Comic oder einer „Graphic Novel“ wird nicht chronologisch erzählt, sondern eher der Zustand des Jungen beschrieben, wobei wir uns oft offensichtlich in ihm und seiner Sicht bewegen.

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Von der Mutter verlassen

Jakobs Mutter ist gestorben. Jakob ist acht Jahre und er versteht die Welt nicht. Er sucht seine Mutter und gerät in immer absurdere Situationen. Die Bildergeschichte tut Vieles, um „Schönes“ zu vermeiden.

Felix Mertikat & Benjamin Schreuder: Jakob

Ludwigsburg: Cross xcult 2010

ISBN 978-3-941248-82-3
64 Seiten * 16,80 € * ab 15 Jahre

Das Buch ist entstanden als Diplomarbeit am Animationsinstitut der Filmakademie Baden-Württemberg. Die Idee der Verfilmung merkt man den im Stil von Comics gehaltenen Illustrationen (grafische Novelle) und dem Aufbau der Geschichte an: eine gute Grundlage für ein Script oder das Drehbuch selbst.Wir haben es mit einer Situation zu tun, die ein achtjähriger Junge nicht verstehen kann, die in ihm eine Entwicklung auslöst, der er nicht gewachsen ist. Mama macht „eine lange Reise“ sagt der Mann, den wir als Begräbnisunternehmer vermuten können. Einen Vater gibt es nicht, die Tante, die sich um ihn kümmern wird, tritt nicht auf. Jakob wird mit deutlich zu großem Kopf und großen Augen gezeichnet, das Babyschema allerdings völlig durchbrochen durch die Hasenscharte und die überdimensionalen Ohren, die ihn erstens hässlich machen und zweitens als Comicfigur auszeichnen.Die Grundidee ist, Jakobs Innenleben nach außen sichtbar zu machen. Warum hat seine Mutter ihn nicht mitgenommen auf die Reise, sondern stattdessen allein zurückgelassen? Jakob gerät an Orte, die man besser nicht aufsucht, er gerät an Raben, denen nicht nur in der germanischen Mythologie nachgesagt wird, dass sie – mehr als jeder Hund – treue Vasallen ihres Meisters sind, den anderen aber unheimlich sind. Wir sehen hier einen, der an den Schwären am Kopf eines Bettlers hackt, ein anderer tut sich als Ausbesserer einer Vogelscheuche hervor, ein dritter ist König der Raben und herrscht über einen riesigen Müllberg.Die Geschichte lebt allein durch die Bilder. Wenige Texte werden in rechteckigen Sprechblasen mit abgerundeten Ecken als Dialoge geschrieben. Es bleibt viel Ungelöstes am Ende des Buches und deutlich mehr Fragen als zu Beginn.

Ebenfalls aus dem Jahr 2010 ein echtes Bilderbuch, dessen schwarzer Titel auf dem dunklen Braun kaum zu erkennen ist. Das helle Tor mit dem Wächter könnte auch in einer Burg stehen, aber das Weiß zeigt so gar keine Tiefe, und zu erkennen ist auch nichts. Können wir der Verbeugung des Wächters trauen?

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Hexe, lyrisch

Hui - da ist Schwung in den Bildern! Aus wilden Aquarellflächen wird mit Hilfe von schwarzen Krakeluren das treue Pferd Schattenwind, das den alten Grafen Grauenfels zu seiner Geliebten bringt, denn heute ist der letzte Tag im April, Walpurgisnacht. Doch aufgepasst, der erste Morgenstrahl kommt früher als gedacht und die Liebe lässt zögern. Wunderbar gruselige Bilder!

Nicolas Wachter & Peter Engel: Walpurgisnacht – ein lyrisches Hexenwerk
Regensburg: Edition Buntehunde 2010
ISBN 978-3-934941-61-8
32 Seiten * 19,80 € * ab 12 Jahre

Gertrude Degenhardt, Horst Janssen, Tim Burton, Richard Engel. Mit scheinbar leichter Hand gekritzelt wird die Farbe zu gruseligen Gestalten, schiebt eine Hand die Grabplatte fort, an der sich die Fingerglieder lösen, stehen die Beinknochen vielfach gebrochen und wieder zusammen gewachsen, rast das Pferd in windschnellem Flug und folgen im Sog Köpfe, Arme, Körper, fliegen Raben vor dem Pulk der Hexen auf ihren Besen, mutiert die Hauptperson nach erfolgreichem Zauberspruch zum jungen Mann von einst, als er den Golem erschuf, der ihn durchlässt in das Schloss der Baronin Düsterstein, der er mehrfach seine Liebe gestand.Wie neugeboren fühlt sich der Graf als er ihr endlich gegenübersteht, die beiden verschmelzen und die „bleiche Gesellschaft“ den Wein und die Canapés stehen lässt, um den beiden im Reigen zu folgen, sich auflöst zu einer Masse. Fast hätten sie die Zeit vergessen, diesen verhassten Glockenschlag, der sie wieder für ein Jahr in die kalten und nassen Gräber ruft. Einen Moment zu lang bleiben die Liebenden, die „brennend heiße Morgenglut“ erreicht Schattenwind, löst ihn auf in Feuer und ebenso – fast seinen Herrn, den Grafen Grauenfels. Doch ihn erwartet ein anderes Schicksal.Die Geschichte wie die Bilder sind „speziell“ und „nichts für schwache Nerven“. Wer allerdings gern mit schwarzem Humor spielt und auch ab und zu einem Spaziergang auf dem Friedhof nicht abgeneigt ist, wer selbst gern Figuren auf dem Block neben dem Telefon erschafft, für den ist das Buch eine Quelle der Freude – auch wenn das Ende sehr plötzlich kommt und der Geschichte eine unvorhersehbare Wendung gibt.

„Die Insel“ trägt den Untertitel „Eine tägliche Geschichte“. Offensichtlich erleben wir hier den Versuch, die Innenwelt eines Außenseiters, vielleicht sogar die eines Ausgestoßenen sichtbar zu machen. Nackt steht der Mann am Strand, ganz allein auf der Seite. Allein der Text spricht schon „von den anderen“.

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Auf brennendem Floß

„Ich baute Mauern, eine Festung um meine Welt, damit niemand sie betreten kann. Wenn ich nie geliebt hätte, hätte ich auch nie heulen müssen. Ich bin ein Fels. Ich bin eine Insel.“ So weit Paul Simon 1966 in „I am a rock“.

Armin Greder: Die Insel
Aarau; Frankfurt am Main: Sauerländer 2002
ISBN 3-7941-4930-0
32 S * 15,80 € * ab 8 J (und älter)

Armin Greder lässt seine Inselbewohner genau das tun: Sie bauen eine riesige Mauer um ihre Insel und verbrennen das Boot des Fischers, damit kein Kontakt mehr nach außen hergestellt werden kann, und schieben den Mann auf seinem Floß zurück ins Meer.So gehen wir also um mit den Menschen, die ungefragt zu uns kommen. Wir beäugen sie misstrauisch, geben ihnen keine Arbeit, dulden nur vorübergehend ihren Aufenthalt bei uns. Da wir Angst haben vor dem Unbekannten, rotten wir uns zusammen und ergreifen unsere Waffen: Harken, Forken, Knüppel. Unsere Albträume halten wir für kommende Wirklichkeit, der es entschieden entgegenzutreten gilt. Der Fremde muss weg. Eine Wiederholung muss vermieden werden.Derart eindringlich wie die Geschichte sind die Bilder in Pastell und Kohle: Dicke, fast feiste Bewohner, Kinder, die ihre Eltern nachahmen in ihrem Hass gegen Ausgestoßene, dämonisch oder ängstlich aufgerissene Augen und immer wieder Zusammenrottung hier und nackter abgemagerter Mann dort.

Weit ist das Meer und dunkel wie der Horizont. Und hoch sind die Mauern um die Insel, riesig und schwarz. Das Floß in den dunklen Fluten brennt, aber auch hier nicht „lichterloh“.
Ebenfalls zwei Gruppen werden im folgenden Buch dargestellt. Hier leben die, die im Licht leben. Dort leben die, die den Raum in den Wänden ihr Zuhause nennen. Das kann auch getauscht werden. Auch wenn der Schrecken und die Idee uns nicht mehr loslassen, so auch nicht das augenzwinkernde Übertreiben am Ende des Buches – wenn wir es bis dorthin geschafft haben.

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„Wenn die Wölfe aus den Wänden kommen ...“

Fotos, Collagen, Texte, Skizzen, Übermaltes, wild und herrlich schräg aneinander gesetzt, verstärkte Linien, Schatten – all das passt so gut zu dem ausgelebten Satz: „... dann ist alles vorbei.“ Aber die Wölfe kennen auch einen ähnlichen Satz. Und später noch die Elefanten ... Herrlich!

Neil Gaiman & Dave McKean: Die Wölfe in den Wänden
Aus dem Englischen von Zoran Drvenkar
Hamburg: Carlsen 2005
ISBN 3-551-51648-0
56 S * 18,00 € * ab 06 J

Mittelpunkt der Collagen wie der Geschichte ist Lucy. Die hört nämlich als erste und einzige der Familie, dass etwas in den Wänden ist; sie meint, Wölfe vernommen zu haben. In drei je ähnlichen Abfolgen bestreiten Mutter, Vater und auch ihr Bruder, dass so etwas möglich sei. Doch dann muss die Familie vor den Wölfen fliehen, die mit gelb-leuchtenden Augen aus den Wänden in die Wohnung stürmen.
Ganz hinten im Garten sammelt sich die Familie und versucht, erst einmal diese Nacht zu überstehen. Lucy kehrt zurück in das Haus, sucht und findet ihr Schweinchen - aber nur, weil sie sich selbst in den Wänden vor den Wölfen verbirgt, die sich ansonsten wie wilde Tiere in einer zivilisierten Welt benehmen: Sie vernutzen Betten, Marmeladen, Popcorn und selbst die zweitbeste Tuba von Papa, beschmieren die Wände, machen kaputt und benehmen sich wirklich sehr ungezogen.
Eine tolle, lebendige Geschichte um eine imaginäre Weisheit der Menschen, dass nämlich alles vorbei sei, wenn die Wölfe aus den Wänden kommen. Eine Weisheit, die offenbar entsprechend die Wölfe von den Menschen kennen, und die man auch weiter spinnen kann.

Zum Schluss noch zwei Reihen, die zwar illustriert sind, aber nicht zu den Bilderbüchern gehören – wohl aber in diese kleine Übersicht.

Die erste ist eine Trilogie von Philip Ardagh, die sich – wegen des Erfolgs – zu einem sechsbändigen Werk ausdehnte, nicht unbedingt zum Vorteil des Unternehmens, das sehr ungewöhnliche Leben von Eduard Dickens, genannt Eddie, 11 Jahre alt, zu erzählen.

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Schlimmes Ende

Er heißt Eduard Dickens, ist 11 Jahre alt und wird von allen nur Eddie genannt. Außer von seiner kranken Mutter. Die nennt ihn Jonathan, wenn sie sich nicht an seinen richtigen Namen erinnern kann. Ersatzweise auch Simon.

Philip Ardagh: Schlimmes Ende
Aus dem Englischen von Harry Rowohlt
Mit Illustrationen von David Roberts
München: Omnibus bei Bertelsmann 2002
ISBN 3-570-12701-X
128 S * 9,90 € * ab 12

Weil beide Elternteile einer merkwürdigen Krankheit anheimig sind, wird Eddie dem „wahnsinnigen“ Onkel Jack und seiner nicht minder „verrückten“ Tante Maud anvertraut, die den ausgestopftem Malcolm (oder heißt sie Sally?) gut auch als Waffe zu nutzen weiß. Derweil geben sich Eddies Eltern weiterhin in die Hände des sehr anerkannten Arztes Dr. Keks mit seinen sehr ungewöhnlichen Behandlungsmethoden. Sehr schön, dass die Patienten auch in der größten Katastrophe, die diese Methode(n) hervorrufen, das Loblied auf ihn singen.
Die Handlung des Buches ist eher nebensächlich, denn es dreht sich hier um NONSENSE AUF HOHEM NIVEAU. Kein Wunder also, dass der Übersetzer Harry Rowohlt heißt und von dem Original schwärmt. Dabei ist gar nicht einmal so genau klar, welchen Anteil an dieser Geschichte man der Übersetzungsarbeit zuordnen muss. Wer Rowohlt kennt, wird begründet vermuten, dass es kein geringer Teil sein dürfte.

Die Kapitel, die Folgen genannt werden, schickte der Autor (wie er in einer „Mitteilung ohne Aufpreis“ erzählt) seinem Neffen in Abständen ins Internat. Ein Buch war also zunächst gar nicht geplant – und uns wäre damit fast eine Perle entgangen.
Zur Gesamtfreude tragen auch die vielen kleinen skurrilen Bilder von David Roberts bei, der so kräftig in den Bildern übertreiben darf wie es Autor und Übersetzer im Text vormachen. Also: Für alle, die Spaß haben an wohlformuliertem (Un-)Sinn.

Die folgenden Titel greifen den Unsinn auf, ohne ihm allerdings neue Dimensionen zu geben:

Bd 2 Furcht erregende Darbietung (2003)

Bd 3 Schlechte Nachrichten (2004)

 

 

sowie die Folgebände

Unliebsame Überraschung

Abscheuliche Angewohnheiten

Allerletzter Akt

 

Eine andere Reihe ist bei Ravensburger erschienen und behandelt die „Abenteuer des Stanley Buggles“. Nach „Schrecklich schaurige Piraten“ und „Grässlich gruselige Geister“ und „Höllisch harte Halunken“ (man beachte die Alliteration in den ersten drei Titeln) liegt hier Band vier vor: „Furchtbar fiese Biester“.

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Die Abenteuer des Stanley Buggles

Stanley Buggles lebt auf der Insel "Crampton Rock". Das Haus "Candlestick Hall" hat ihm sein Großonkel Admiral Swift vermacht, aber nun erhebt die Familie Darkling Anspruch darauf - und unterstützen diese Forderung mit einer großen Schar von Krähen. Letztlich entscheidet aber der Richter des Dorfes - nicht unbedingt zum Vorteil von Stanley, denn die Schatzkarte führt ihn zum Schluss zu einem Ort, der leichter zugänglich gewesen wäre, wenn er vor Gericht verloren hätte.

Chris Mould: Furchtbar fiese Biester
Reihe: Die Abenteuer des Stanley Buggles, Bd 4
Aus dem Englischen von Michaela Kolodziejcok
Ravensburg: Ravensburger 2010
ISBN 978-3-473-34782-7
151 Seiten * 9,95 € * ab 3 Jahre

Dann hätte Stanley aber gar nicht gewusst, wohin ihn die Schatzkarte führen würde, die in den Kerzen versteckt waren. Gegen Geister, Piraten, Werwölfe und jetzt Vögel (Alfred Hitchcock lässt grüßen) und giftigen Schlangen muss sich Stanley zur Wehr setzen. Außerdem kommt eine Familie dazu, die nicht nur die Vögel beherrscht, sondern auch über einen sehr gefährlichen Hund verfügt und denen offensichtlich jedes Mittel Recht ist, Stanley aus dem geerbten Haus zu vertreiben. Gut, dass dieser nicht allein ist, denn Daisy Grouse, die im Leuchtturm der Insel wohnt, hilft. Der ausgestopfte Hecht im neuen Kasten auch, aber meistens ist er schweigsam wie ein Fisch.
Die Fortsetzungsgeschichte ist geschickt angelegt und mit entsprechend gruseligen Bildern schwarz-weiß illustriert. Mit dem furchtbar geifernden Hund Steadman mit der großen Schnauze und den leeren Augen sowie dem Körper eines Windhunds kann sich Stanley sogar anfreunden.

Ein Abenteuer, das man nicht unbedingt mit logischen Maßstäben messen darf, das aber, gerade wegen des ambivalent angelegten Charakters von Stanley, Lesespaß bringt.

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Der äußerst merkwürdige Onkel

Eingebettet in eine Rahmenhandlung, die sich erst am Ende als Krönung der Schauergeschichten erweist, erzählt Edwards Onkel seinem Neffen 10 Geschichten, die etwas zarter besaitete Kinder sich besser erst anhören, wenn sie etwas älter als 12 Jahre sind. Dietmar Mues liest die Rollen mit verstellter Stimme und trennt deutlich die Sprache Edwards in der Rahmenhandlung von der der Erzählungen.

Chris Priestley: Onkel Montagues Schauergeschichten (CD)
Illustrationen von David Roberts, aus dem Englischen von Beatrice Howeg
Hamburg: Auiolino / Bloomsbury
ISBN 978-3-86737-100-1
3 CDs * 16,90 € * ab 12 J

Edward ist eins der armen einsamen Kinder, deren Eltern sie in Internate abschieben und in den Ferien mit ihnen nichts anfangen können. Also geht Edward den nicht ungefährlichen Weg zu seinem Onkel, der mit seinem Diener Franz in einem riesigen Haus lebt, das - wie wir viel später erfahren - einstmals eine Schule war. Im Arbeitszimmer flackert der Kamin und Onkel Montague sitzt in seinem Stuhl und lebt inmitten von Gegenständen, die in seinen Geschichten eine Rolle spielen.
10 Geschichten erzählt er seinem Neffen Edward, und in allen spielen Kinder eine Rolle, die etwa im gleichen Alter sind wie Edward selbst. Die Geschichten erscheinen auf den ersten beiden CDs sehr isoliert und traurig, denn sie enden mit dem Tod von Kindern, meist auf sehr mysteriöse Weise. Auf dem CD-Cover sind wesentliche Teile der Geschichten dargestellt, eingefangen von Ästen, die sich wie Schlingpflanzen oder Klauen um diese Gegenstände winden. Erst auf der dritten CD werden die Hinweise dichter, dass Onkel Montague offensichtlich doch recht hatte mit seinen Hinweisen, dass er nur die Wahrheit erzähle - was wir bisher als Mittel des Grauens empfanden. Das Ende wird natürlich nicht verraten. Ein kleiner Hinweis vielleicht auf den Diener Franz, den Onkel Montague gegen Ende als seinen "Kerkermeister" bezeichnet.

Jede CD hat genau 13 Tracks, der Unglückszahl überhaupt. Da man wohl nicht alle drei CDs hintereinander hören wird (3 x 80 min), muss man morgen den Anschluss wieder finden. Der Zeitrahmen zwischen knapp 4 und selten 9 Minuten pro Track hilft hier.
Die Sprache ist das Wesen einer Hör-CD, die einen guten Inhalt transportieren kann - oder nicht. Hier haben wir den ersten Fall. Die Stimme schwebt, krächzt, flüstert, drängt, ist geheimnisvoll, wenn sie es sein soll, ist lange sachlich, spricht durch Edward, wenn sie die Rahmenhandlung vorantreibt. Selten wird ein Track durch eine kurze Musik oder ein Geräusch ausgeleitet.

Insgesamt eine sehr gute Umsetzung des sehr guten Buchs (2007 bei Bloomsbury in London erschienen), dessen acht-seitiges Booklet sich leider kaum auf die Geschichte und noch weniger auf die CDs bezieht.

Der Name des Onkels "Montague" ist sicher eine Hommage an Edgar Allan Poes Gruselgeschichte "The Murders in the Rue Morgue", bezieht sich aber inhaltlich gar nicht darauf, da in jener ein Tier die Hauptrolle spielt, hier aber Schüler, Kinder, ihr Schicksal und ihr Lehrer.

 

Der Ausgangspunkt hieß „grauslich oder grässlich“, einige werden sogar sagen: „Geschmacklos!“. Man könnte aber auch formulieren: Für den (etwas) anderen Geschmack.

uhb - (ausführliche Rezensionen siehe in der Datenbank unter www.ajum.de )