Lesejournale und Lesetagebücher

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Grundidee Lesetagebücher:
In den Lesetagebüchern bearbeiten Schüler Arbeitsaufträge und Kreativaufgaben und schreiben ihre Meinung zu einem bestimmten Buch (klassische Lektüre oder Jugendroman) auf, das sie gerade als Klassenlektüre gemeinsam lesen, aber sie gestalten „ihr“ individuelles Lesetagebuch zusätzlich noch mit Zeichnungen, Collagen und Fotos. Die so entstandenen Schülerarbeiten haben in sich einen besonderen Wert, zunächst einmal für die jungen Schreiber, aber sie können (und sollten) auch bewertet werden und in die Notengebung mit eingehen.
Diese Arbeiten können auch in Schulbibliotheken veröffentlicht werden. In den Schulbibliotheken des Landes Südtirol sind eigens dafür Schaukästen reserviert, um diese Arbeiten schulintern auszustellen und damit Anregungen zu geben, was alles in diesem Bereich entstehen kann.
Diese Veröffentlichungen spielen in dem Konzept des Lese- und Schreibprozesses und der Selbstfindung von Jugendlichen eine besondere Rolle.

Grundidee - Lesejournale:
Bei den Lesejournalen steht die individuelle Lese- und Schreibarbeit im Vordergrund. Hier geht es um persönliche und vielleicht auch sensible Bereiche der eigenen Lesefindung und Leseerfahrung, die nur begrenzt oder auch gar nicht öffentlich gemacht werden sollen.

Voraussetzungen für die nun folgende Verlaufsbeschreibung sind: Klasse oder Deutschkurs sind nicht gerade neu zusammengestellt worden, denn die Schüler sollten sich schon eine Zeitlang kennen. Die Schüler sind geübt in folgenden Fähigkeiten: Anfertigen von Lesetagebüchern oder Themenheften mit Titelblatt,
Inhaltsverzeichnis, Quellenangaben und Möglichkeiten der künstlerischen Gestaltung. Außerdem sollten die Schüler die Grundregeln von Inhaltsangaben, kurzen Charakteristika und Stellungnahmen kennen und sie müssen in der Lage sein, kurze Buch-Präsentationen vorzubereiten und durchzuführen.


Pädagogischer Hintergrund
In der jüngsten Leseforschung sind Lesebiographien und eigene Leseerfahrungen von Schülerinnen und Schülern immer mehr in den Focus gerückt. Nicht zuletzt durch die positiven und ermutigenden Ergebnisse in den USA (2) kann man davon sprechen, dass die Relevanz der Meinungen und deren Veröffentlichung in Lesejournalen den eigenen Leseprozess bewusst machen und das Selbstwertgefühl des lesenden Individuums steigert!

Durchführung
•    Die Schüler werden aufgefordert, sich interessante Bücher aus der Bibliothek zu holen oder ihre aktuellen Lieblingsbücher mitzubringen. Bei der Auswahl der Bücher greift der Lehrer nur ein, wenn ein Titel entweder nicht der Jahrgangsstufe entspricht oder zu gewalttätig erscheint.
•    In einer freien Lesestunde im Rahmen des Unterrichts dürfen die Schüler ihre Bücher lesen und sie sollen jedem Buch eine 10-Seiten-Chance geben; d. h: Die Schüler müssen die ersten 10 Seiten lesen, bevor sie ggfs entscheiden, dass das ausgewählte Buch doch nichts für sie ist. Dazu müssen sie eine Kurznotiz zur Kontrolle für den Lehrer anfertigen.
•    Diese Lesestunde kann natürlich auch bei schönem Wetter im Freien stattfinden, in einem schönen Halbrund (3), im Grünen, in einer gemütlichen Ecke des Schulgeländes. Schülern wird vermittelt, dass Lesen nicht nur zum Zwecke des Unterrichts erfolgen kann, sondern zum Vergnügen; zur Stärkung der Lesemotivation! Der Lehrer liest natürlich mit! (Vorbildfunktion)
•    Dazu erhalten die Schüler ein Formblatt (4) zur Verarbeitung der gelesenen Texte, das aber hauptsächlich zu Hause ausgefüllt wird. Die freie Lesestunde findet mög-lichst ein – bis zweimal in 6 Wochen statt; die Bearbeitung eines (Pflicht-) Buches erfolgt also im Vierteljahresrhythmus. Die Ergebnisse des Lesejournals werden dem Lehrer zu einem bestimmten Zeitpunkt vorgelegt. Der Lehrer begutachtet die Ergebnisse und beurteilt nach Ordentlichkeit und Glaubwürdigkeit. Die Bereiche Titelblatt, Inhaltsverzeichnis, Inhaltsangabe, Brief an den Lehrer, Kommentare, Zitate sollten schon vorhanden sein. Außerdem können Informationen über den Autor, Verfilmungen und eigene Geschichten, Gedichte oder Notizen eingefügt werden. Es erfolgt aber keine inhaltliche Bewertung, wohl aber hinsichtlich der Ge-staltung und des Fleißes.
•    Der Lehrer hat nun die Aufgabe, auf diese „Briefe“ schriftlich zu antworten. Das ist möglich in einem Formblatt, mit einem Kurzkommentar oder in einem schön gestalteten Antwortbrief. Persönlich kann ich hier nur anmerken, dass genau das, was die Schüler mir geschrieben haben, für mich so spannend war, dass ich das immer sofort und mit viel Freude gelesen habe!
•    Außerdem erhalten die Schüler die Gelegenheit, ein Buch ihrer Wahl im Unterricht den anderen Schülern vorzustellen und zu präsentieren (ca. 10 Min.). Dazu gehört dann auch, dass eine spannende oder für die Schülerin bedeutsame Seite vorgelesen wurden muss. Diese öffentliche Präsentation wird inhaltlich bewertet und ist somit auch die Kontrolle, ob das Buch auch gelesen und verstanden wurde!

Ergebnisse in Bezug auf das Leseverhalten der Schüler und Schülerinnen
Die Lesejournale wurden ein Jahr lang in einem B-Kurs 9 und einem E-Kurs 10 in Deutsch der Integrierten Gesamtschule erprobt und durchgeführt. Beide Kurse wurden vom Deutschlehrer mehr als zwei Jahre unterrichtet, wobei der Kern der Schülergruppe zusammengeblieben war und nur durch Auf- und Abstufungen ergänzt wurde.
Die Anzahl der „wirklich“ gelesenen Bücher hat sich stark erhöht. Einige Schüler schrieben in ihrem Journal, dass „sie noch nie so viele Bücher gelesen hätten“, und sie fanden es sehr interessant, „dass sie sich die Bücher selber aussuchen konnten“. Dazu muss man anmerken, dass der Deutschlehrer als Leiter der Schulbibliothek auch Anregungen und Empfehlungen geben konnte, dass aber die Schüler zunehmend selbstständiger in ihrer Auswahl wurden.
Die Gruppe der „etwas lesefernen Jungen“ wurden etwas intensiver beraten. Sie suchten vor allem Action-Bücher, die sie aus der vom Deutschlehrer erstellten Buchempfehlungsliste für Jungen (5) auswählen konnten.
Die Schüler durften auch dokumentieren, dass ihnen ein Buch nicht gefallen hat; sie mussten es auch begründen. Hier gab es einige, die zwar sich zuerst ein scheinbar leichtes Buch ausgesucht hatten, dann aber in der Besprechung anmerkten, dass ihnen das Buch gar nicht mehr gefallen habe, „weil es für jüngere Leser gewesen sei“ und dass sie sich jetzt etwas anderes aussuchen wollten.

Die Arbeit mit den Lesejournalen fördert nachhaltig die Verbesserung der Lesekompetenz und des Textverständnisses, was sich auch in anderen Bereichen des Unterrichts widerspiegelt (z. B. bei erfolgreichen Prüfungsarbeiten). Außerdem wird bei konsequenter Anwendung die Rechtschreibsicherheit erhöht; dadurch werden die Schreibleistungen nicht nur besser, sondern auch stilistisch ausgefeilter. Dies alles führt auch zu einer Steigerung des Selbstwertgefühls.
Die Arbeit mit den Lesejournalen hat Schülern wie Lehrern so viel Spaß gemacht! Sie haben Einblicke in eine Lesekultur erhalten, die sie hoffentlich in ihrem weiteren schulischen Werdegang anwenden und in ihrem Freizeitverhalten nicht vergessen werden.

Beispiele:
Besonders beeindruckend waren drei Lesejournale aus dem Deutschkurs 9. Die Schüler, die dort unterrichtet wurden, strebten entweder den Hauptschul- oder den Realschul-Abschluss an.
Beispiel 1
Eine Schülerin (Mathula; indischer Migrationshintergrund) hatte große Probleme mit der Rechtschreibung und Grammatik, aber sie las gerne. Durch das Angebot des Lesejournals wurden ihre Stärken geweckt und gefördert, dass sie sich insgesamt von einer schriftlichen Deutschnote 5 auf eine 3 in einem Jahr verbessert hat. Sie hat sich stark für Texte von Drogenabhängigen interessiert (6). Sie schrieb darauf hin mehrere Geschichten über soziale Probleme, von denen ein Teil auf persönliche Erfahrungen beruhten: „ Ich habe herausgefunden, dass Lesen Spaß macht und grad für mich gut ist, meine Deutschkenntnisse zu verbessern. Und Geschichten schreiben tue ich auch gerne, aber nur eins versteh’ ich nicht: Warum finden andere Leute das Lesen langweilig?“
Beispiel 2
Ein Junge (Fabio; italienischer Migrationshintergrund) mit ebenfalls schwachen Deutschleistungen, hat sich in seinem Lesejournal so vertieft, dass auch hier das laute Lesen, die Lesekompetenz und das Textverständnis erheblich verbessert wurden. Er schrieb über seine Leseerfahrungen, dass „das viele Lesen nicht nur Spaß gemacht habe – sondern seine Leseziele hätten sich so erweitert, dass er auch andere Texte mit viel mehr Freude und besserem Textverständnis lesen könne“!

Beispiel 3
Ein drittes Beispiel beleuchtet einen Jungen (Cedric), der ein guter Schüler ist. Er las zunächst ein Buch von Isabel Allende (7). Darauf war seine Erkenntnis, er habe sich keine neuen Leseziele gesetzt! Daraufhin las er einen dokumentarischen Roman (8), in dem der tragische Unfalltod eines Jugendlichen in Form von Tagebuchaufzeichnungen geschildert wird. Das hatte ihn sehr beeindruckt und er wollte unbedingt „noch mehr solche Bücher“ lesen, er habe gar nicht gewusst, wie spannend und einfühlsam ihn eine solche Geschichte berühre.
Beispiel 4
Ein Junge (Pascal) ist durch das Lesen so aufgeblüht, dass er bei den Lesescouts der Schule und im Büchereidienst mitgemacht hat, sodass seine Mutter „ihn nicht mehr wieder erkannt habe“ (9). Auch andere Jungen haben ihre Lesekompetenz erweitert und mancher, der zu Beginn nicht unbedingt mitmachen wollte, hat am Jahresende doch seine vier Bücher gelesen.

Anmerkungen / Idee / Literatur:
(1)    Ich werde unten einige Ergebnisse veröffentlichen; dies aber in Absprache mit den Schülern, die mir die Texte zur Verfügung gestellt haben.
(2)    Schoenbach, Greenleaf, Cziko, Hurwitz: Lesen macht schlau – Neue Lesepraxis für weiterführende Schulen (Hrsg D. Gaile); Berlin: Scriptor 2006; 1. Aufl.
(Nec 1/Lese)
(3)    Bild der freien Lesestunde Alexander-von-Humboldt Schule im Mai 2007 / D-Kurs 10 E IGS
(4)    Formblatt Anlage / Vorlage aus Schoenbach, Greenleaf, Cziko, Hurwitz: Lesen macht schlau – Neue Lesepraxis für weiterführende Schulen (Hrsg D. Gaile); Berlin 2006; 1. Aufl. / hier S. 83-90
(5)    Buchempfehlungsliste für Jungen zwischen 10 bis 17 (Stand zurzeit Juli 2008)
(6)    Feid, Antatol / Natscha Wegner: Trotzdem hab ich meine Träume. Die Geschichte von einer, die leben will. (Taschenbuch) Rowohlt TB; 17. Aufl. (1990)
(7)    Allende, Isabel: Die Stadt der wilden Götter,  dtv (April 2005)
(8)    Draper, Sharon M.: Die Nacht des Tigers ; Ravensburger TB
(9)    Horowitz, Anthony: Stormbreaker (Alex Rider, Band 1) (Broschiert) (Auflage: 5., Aufl. (Juli 2005)

 

Alexander-von-Humboldt-Schule * Kl. 5 – 10 * Fach: Deutsch * Lehrer: Manfred Pöller