„Leben lernen“ mit Peter Härtling

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Die Lesestafette als Lesefest für die ganze Schule

Wenn der Autor den Raum betritt, wird es stiller. Wenn er liest, erkennt man die Schülerinnen und Schüler mit ihrer Lebhaftigkeit kaum wieder. „Es ist doch etwas Besonderes, wenn derjenige vorliest, der einen Text wirklich geschrieben hat. Natürlich ist es immer derselbe Text wie auch zu Hause oder im Unterricht – aber er ist anders“, so Fynn, Schüler einer 8. Klasse. Auch bei Peter Härtling war alles anders, die Aura der Autorenlesung entfaltet ihre Wirkung auch noch heute.

 

Ein Lesefest für die ganze Schule
Am Ende des letzten Schuljahrs war für Peter Härtling alles anders. Die Kolleginnen und Kollegen des Faches Deutsch der Gutenbergschule Wiesbaden, einem Gymnasium mit 1.400 Schülerinnen und Schülern, hatten ihn eingeladen – und zwar zum Zuhören. Härtling war Gast einer Veranstaltungsreihe, die sich vier Schultage lang nur Peter Härtling und seinen Texten widmete und so viele Schülerinnen und Schüler wie möglich erreichen sollte. Die Idee der Lesestafette war geboren, bei der das Wort wie beim Staffelholz weitergegeben wird. So entsteht ein wahrer Lesemarathon, bei dem ein Großteil der Schülerschaft mitmacht und einen Autor entdeckt: lesend und zuhörend. Nachdem mehr als 300 Schülerinnen und Schüler gelesen und 800 zumeist mehrfach zugehört hatten, trat Peter Härtling ans Mikrofon der voll besetzen Aula der Gutenbergschule und zeigte sich gerührt. Er hatte nämlich von Initiativen in Darmstadt und Frankfurt gehört, bei denen Büchners Texte und Goethes Dramen im Zentrum solcher Lesestafetten standen. Er selbst hätte nie geglaubt, einmal für ein solches Lesefest ausgewählt zu werden.

Der Ausgangspunkt der Lesestafette mit Peter Härtling war eine Bilanz der bisherigen Leseförderung an unserer Schule. Vorlesewettbewerbe, Buchvorstellungen, Lesekisten, Lesenächte – selbst die Lesung von Autorinnen und Autoren sind vielen Jugendlichen ver-traut. Diese Formen der Förderung finden im jeweiligen Unterricht statt, sind temporär. Ein neues Lernerlebnis war gefragt, das die Schulgemeinschaft als ganze aktiviert und das Thema unter ein Motto stellt. Auch ein jahrgangsübergreifender Aspekt sollte das Gefühl verstärken, an einer „Baustelle“ zu arbeiten. Manche Städte haben Aktionen wie „Bad Hersfeld liest ein Buch“ oder „Frankfurt liest ...“, um Themen und Autoren sowie einzelne Titel in den Mittelpunkt zu stellen. Das Besondere an der Lesestafette ist, dass das Lesen und Vorgelesen bekommen ein Gesicht bekommt, eine inhaltliche und biografische Klammer.

Peter Härtling statt Gustav Freytag
Wir haben gemeinsam überlegt, welcher Autor sich eignet: Goethe, Schiller, Kleist? Wo ist der lokale Bezug, der aktiviert? Den Wiesbadener Gustav Freytag entdecken? Nein, es muss ein Autor sein, der die Schülerinnen und Schüler motiviert, und zwar möglichst viele in verschiedenen Altersstufen. Auch Jugendbuchbestseller sind schnelllebig, sodass Schülerinnen und Schüler der Klasse 10 die Lese-„Hits“ der Fünftklässler nicht kennen. Eine Kollegin zögerte nicht lange, als sie von dem Vorhaben hörte: Peter Härtling – den kennen alle, den mögen alle und er hat vor allem allen etwas zu sagen. Auch nicht un-wichtig: Er schreibt Texte, an denen Schülerinnen und Schüler wachsen können, weil sie Probleme darstellen und Fragen unbeantwortet lassen. Wir haben unseren Idealautor gefunden und können nur ermutigen, sich zu fragen, ob nicht der Namensgeber oder eine bekannte Schülerin oder ein Schüler Impulsgeber zu einem solchen mehrtätigen Lesefest sein kann.

Von der Idee zur Durchführung
Ohne ein begeistertes Kollegium geht es nicht. Auf mehreren Fachkonferenzen wurde die Lesestafette vorgestellt und besprochen, eine Referendarin schaltete sich ein, um das Vorhaben im Rahmen eines Bausteins „Schule mitgestalten“ in ihre Ausbildung einzu-bringen, ein Komitee wurde gebildet. Fachgruppensprecher, Fachbereichsleiterin und Schulleiter zogen mit und unterstützen das Vorhaben. Nachdem ein Termin gefunden war, standen wir vor der wichtigsten Frage: Wie verankern wir unser Lesefest an mehreren Tagen im laufenden Schulbetrieb, ohne eine Art Projektwoche freizuschaufeln? Außerdem mangelt es am Platz für eine zu große Veranstaltung, einzig die Aula mit Platz für 120 Schülerinnen und Schüler ist als Bühne für die Lesestafette geeignet.

Unterricht anderer Fächer sollte möglichst nicht tangiert werden. Welche Klasse hört zu, welche beteiligt sich aktiv? Viele Faktoren waren zu bedenken. Durch eine Umfrage er-hoben wir, welche Klassen sich freiwillig und mit Unterstützung der Lehrkräfte beteiligen wollten. Die Kolleginnen und Kollegen teilten auch mit, welche Werke Härtlings sie im Unterricht thematisieren wollten und welche besonderen Aktionen (Ausstellung, Einsatz von Musik etc.) sie einbringen wollten.

Leseklassen und Zuhörklassen
Rasch wurde deutlich, dass sich einige Lerngruppen besonders engagieren wollten. So wurde die Idee der Leseklasse geboren, der Zuhörklassen zugeordnet wurden. Auch Vor-leser wollten zuhören. Publikum ist für die Schülerinnen und Schüler sehr motivierend und eine Herausforderung. Mittels des Stundenplanes wurde eine Abfolge der Vorleseklassen innerhalb der wöchentlichen Deutschstunden gemäß ihren Interessen und inhaltlichen Schwerpunkten erarbeitet, bei der auch die Zuhörklassen zugeordnet werden konnten. Innerhalb der Leseklassen stellten die Kollegen die Frage zur Diskussion, ob alle oder einzelne Schüler lesen wollten. Gegeben war der Rahmen von einer oder zwei Schulstunden. So gab es Klassen mit 30 und Klassen mit sieben Leserinnen und Lesern.

Die Spannbreite der Beschäftigung mit Peter Härtling und seinem Werk vor den Tagen der Lesestafette war groß und vielgestaltig: Einige Kolleginnen und Kollegen besprachen Bücher im Unterricht, eine Plakatausstellung wurde erarbeitet, Knetfiguren stellten die Figurenkonstellation nach. Ein Kollege las Teile der Autobiografie Härtlings und entdeckte für sich dessen Lyrik. In vielen Klassen waren die Schülerinnen und Schüler folglich schon auf die vier Tage Lesestafette eingestimmt. In den Vorleseklassen wurde dann gezielt das Vorlesen geübt, ähnlich wie beim Vorlesewettbewerb, jedoch diesmal ohne Konkurrenz-druck und als Teil eines großen Ganzen. Die Rückmeldung von Schülerseite war sehr er-mutigend: Die Lesestafette schuf eine Lesegemeinschaft und das jahrgangsübergreifend. Auch im Oberstufenunterricht kam Härtling mit seinem Hölderlin-Buch sowie seiner Auto-biografie zum Einsatz. Besonders die verarbeitete Zeitgeschichte forderte heraus.

Drei Tage Härtling – und eine Nacht
An einem Freitag begann die Klasse 6d mit dem Vorlesen. Danach folgten Vorleserinnen und Vorleser der Klassen 8c, 6e und 7d, bis das Jugendbuch „Krücke“ fertiggelesen war. Danach lief die Stafette mit „Ben liebt Anna“ weiter. Am Montag darauf ging es dann weiter mit „Der Hirbel“ und „Alter John“, die ebenfalls komplett gelesen wurden. Gelesen wurde von Schulbeginn bis zur siebenten Unterrichtsstunde – auch die Pausen hindurch. Am Nachmittag lasen Förderkurs und Oberstufenkurse weiter. Am Montag verbrachte die 7e eine Lesenacht in der Schule und schaute auch zwei Verfilmungen an. Parallel zum Vorlesen in der Aula hatte die Schülerbibliothek eine Sonderauswahl mit Büchern von Peter Härtling, die Stadtbibliothek komplettierte die Bestände und eine lokale Jugend-buchhandlung war durch einen Büchertisch präsent. Viele Zuhörer bekamen nämlich wirklich Lust zum Weiterlesen – die Ausleihzahlen schossen in die Höhe. Es war stets Trubel auf dem Schulhof vor der Aula. Als Gäste war die Elternschaft eingeladen, auch Kolleginnen und Kollegen hörten in Freistunden zu, Nachbarn der Schule interessierten sich für das Treiben und lauschten einige Schulstunden. So war stets eine Öffentlichkeit gegeben.

Den Höhepunkt des Lesefestes bildete der Besuch von Peter Härtling, der in Mörfelden-Walldorf wohnt und sich den ganzen Vormittag Zeit genommen hatte, um der Lesestafette beizuwohnen. Empfangen wurde Härtling von der Organisationsklasse 9f, die auch eine Lyriklesung mit einem Querschnitt von Härtlings Lyrik vorbereitet hatte. Durchsetzt von musikalischen Einlagen und biografischen Erläuterungen wurde ein informativer und würdiger Rahmen gesetzt.

Härtling genoss in einem großen Sessel das Zuhören. Schülerinnen der Klasse 11a lasen für sie wichtige Passagen aus seinen Erinnerungen „Leben lernen“. Im mit 180 Kindern besetzten Raum war es still, es hatten sich auch zahlreiche Kollegen eingefunden.
Es folgte dann eine auflockernde Gesprächsrunde über das Thema „Schreiben“ und wie sich das Geschriebene beim Lesen verändert. Härtling fiel auf, wie anders „Ben liebt Anna“ im Jahr 2010 im Vergleich zu 1980 klinge. Er zeigte sich von dieser Form der Selbstbegegnung sehr angesprochen und emotionalisiert. Er vergaß nicht, allen Vor-leserinnen und Vorlesern zu danken, denn viele von ihnen standen zum ersten Mal im Leben vor einem Rednerpult mit Mikrofon.

Den letzten Staffellauf bestritt Härtling selbst mit einer Lesung aus „Ben liebt Anna“. Am Ende tosender Applaus, die folgende Autogrammstunde dauerte lange an. Härtling bekam von Klassen Plakate und Briefe überreicht, sogar liebevoll gestaltete Knetfiguren vom „Hirbel“.

Lesen lernen durch „Leben lernen“ – Fazit
Die Lesestafette rückte ein Thema für drei komplette Schultage ins Zentrum: das Lesen von Büchern, das Reden über sie, das Vorlesen aus ihnen sowie das Zuhören und Weiter-träumen. Durch den „Eventcharakter“ kam man an Peter Härtling nicht vorbei. Fast alle Schülerinnen und Schüler wurden in irgendeiner Form angesprochen. Das öffentliche Vorlesen war für viele eine Primärerfahrung und für die meisten ein voller Erfolg. Die Texte wurden eingeübt, ihr Sinn wurde in den meisten Fällen besprochen, kurz: eine runde Sache.

Nicht zu vergessen jedoch die emotionale Komponente der Texte Härtlings, der die Schülerinnen und Schüler durch seine Texte herausforderte, über Liebe, Freundschaft, Entbehrung und Tod nachzudenken. Da Härtling sein Publikum erreichte, fand auch die Botschaft aufgeschlossene Adressaten. Seine persönliche Anwesenheit war für viele ein-drucksvoll. Fynn aus der 8. Klasse schlug vor, man solle die Schule von Gutenbergschule in Härtlingschule umbenennen, bei der das Lesen seiner Bücher ein wichtiger Teil des Deutschunterrichts sein könne. Peter Härtling jedenfalls will gern wiederkommen.

Holger Reiner Stunz, Gutenbergschule Wiesbaden

Der Beitrag ist mit freundlicher Genehmigung des Autors der HLZ, Zeitschrift der GEW Hessen für Erziehung, Bildung, Forschung * 64. Jahr * Heft 5 * Mai 2011 für das Julim-Journal entnommen.