Cornelia Funkes Tinten-Trilogie
Geschrieben von: www.julim-journal.de/Kristina Kähler
Die 1981 geborene Saskia Heber beschäftigt sich in ihrer Dissertation mit der Tinten-Trilogie der deutschen Bestseller-Schriftstellerin Cornelia Funke. Funke wurde in den Medien bereits als „deutsche Joanne K. Rowling“ geadelt, und auch ihre Romane sprengen Grenzen: Sie ziehen sowohl Jugendliche als auch Erwachsene in ihren Bann. In der so genannten Tinten-Trilogie, bestehend aus Tintenherz (2003), Tintenblut (2005) und Tintentod (2007), sprengt Funke nach Heber nun auch Textgrenzen: In den phantastischen Romanen rund um Meggie, Mo, Fenoglio und die Macht der Dichtung setzt Funke sich mit den literaturwissenschaftlichen Konzepten der Intertextualität, der Selbstreferenz und der Mythenadaption auseinander. Heber hat es sich zum Ziel gesetzt, diese Konzepte textorientiert in einem Werk der neuesten deutschen Literatur nachzuweisen, in Beziehung zueinander zu setzen und Schlussfolgerungen aus dieser literarischen Verarbeitung literaturwissenschaftlicher Themen zu ziehen.
Heber, Saskia:
Das Buch im Buch.
Selbstreferenz, Intertextualität und Mythenadaption in
Cornelia Funkes Tinten-Trilogie.
Kiel: Verlag Ludwig 2010 (geist und wissen; 8)
213 S., € 39,90
Nach der Einleitung, in der kurz die Themen Gattung, Stilrichtung, Erzählperspektive, Inhalt und einige Leitfragen skizziert werden, fertigt Heber auf 16 Seiten die „theoretische Einbettung“ ab, erläutert die Begriffe Selbstreferenz und Intertextualität und gibt einen Einblick in die literaturwissenschaftliche Mythosforschung. Die konkrete Analyse unterteilt Heber in drei Kapitel: I. Das Buch im Buch – Das Konzept der Selbstreferenz, II. Die Bücher im Buch – Das Konzept der Intertextualität und III. Der Mythos im Buch – Die Adaption des Orpheus-Mythos. Diese literaturwissenschaftlichen Phänomene werden von ihr pro Kapitel jeweils in Tintenherz, Tintenblut und Tintentod nachgewiesen. Die dabei gewonnenen Ergebnisse veranschaulicht Heber im Anhang anhand von Grafiken und Tabellen.
Heber erweist sich im Verlauf ihrer Dissertation als eine sehr aufmerksame und gewissenhafte Spurensucherin. Sie untersucht sowohl die Paratexte (z.B. die Motti vor jedem Kapitel) als auch die Kerntexte der Trilogie minutiös, sodass kaum ein intertextueller Bezug verloren geht, kaum ein Hinweis auf Selbstreferenz verborgen bleibt und kein Mythem vergessen wird. Die gefundenen Bezüge und Selbstreferenzen setzt sie gekonnt mit der Diegese und den Figuren in Beziehung und weist ihnen Funktionen wie etwa die der Figurenkommunikation und -entwicklung oder der Akzentuierung bestimmter Handlungsstränge zu. Einige intertextuelle Bezüge sollen den Leser außerdem dazu zu animieren, sich mit den erwähnten Werken zu beschäftigen(191). Heber zeigt dabei, dass das Konzept der Intertextualität in der Tinten-Trilogie dem Konzept der Selbstreferenz untergeordnet ist und im Laufe der Trilogie nachlässt bzw. subtiler wird. „Es geht weniger um die Verarbeitung bestimmter Werke, sondern mehr um Literatur und Dichtung an sich.“ (190). Die selbstreferentiellen Bezüge steigern sich so bis hin zu „metatextuelle[r] Selbstreferenz in Reinform“ (37), von Heber erzähltheoretisch fundiert herausgearbeitet: Figuren erkennen das Geschehen bewusst als Geschichte und sich selbst als Figuren in ihr, einige von ihnen können das Geschehen sogar umschreiben bzw. sich in Geschichten hineinlesen, was Heber „metaleptische Schreib- und Vorlesemechanismen“ (62) nennt. Sie identifiziert hierzu drei wichtige Handlungsstränge: Staubfingers Auseinandersetzung mit seinem Tod (eine metadiegetische Figur des intradiegetischen Autors Fenoglio), Fenoglios Auseinandersetzung mit seiner Geschichte (hier spielt Funke selbstreferentiell mit den Fallstricken für einen Autor: mal vergisst der Autor, was er geschrieben hat, dann lässt er eine seiner toten Figur wieder auferstehen oder hat eine Schreibblockade) und Mos Eichelhäherwerdung (die Verwandlung einer intradiegetischen Figur zu einer metadiegetischen Figur durch Fenoglio).
Bei der Analyse der Verarbeitung vor allem des Orpheus-Mythos kommt Heber außerdem zu dem Ergebnis, dass die intradiegetischen Figuren mythisch denken bzw. die narrativen Strukturen mythosanalog (z.B. final motiviert) sind und sowohl die Tinten-Trilogie als auch der Orpheus-Mythos die Macht von Dichtung thematisieren. Die Kernfrage lautet also: Wer ist denn nun für das Geschehen verantwortlich? Der Autor? Der Leser? Oder gibt es eine übergeordnete numinose Macht? Die gibt es, sagt Heber: „Der Tod ist über alle Geschichten erhaben“ (164). Er ist die höchste Instanz, und wie bei Orpheus kann der Tod nicht durch Worte bezwungen werden!
Ihr Ziel, die erwähnten literaturwissenschaftlichen Konzepte in Funkes Werken nachzuweisen und zu zeigen, dass die Romane „mythoshaltig“ (23) sind, erreicht Heber. Sie setzt die drei Phänomene in eine „trichterförmige“ (192) Beziehung zueinander, wobei das Konzept der Intertextualität in das der Selbstreferenz eingebettet ist und die Mythenadaption als besondere Form der Intertextualität verstanden wird – ein Erkenntnisfortschritt. Der Theorieteil jedoch ist ausbaufähig, die verwendeten Begriffe und Konzepte werden nicht umfassend geklärt. Unreflektierte Aussagen im Verlauf der Analyse sind die Folge, wie etwa: „Damit wird im Kleinen […] die große, grundlegende Intertextualitätstheorie abgebildet“ (66). Auch Hebers Erklärung, dass die Einteilung der intertextuellen Bezüge in leicht erkennbare und weniger leicht erkennbare Werke zwar nach subjektiven Kriterien erfolge und daher
unüblich sei, aber dadurch gerechtfertigt werde, „dass TINTENHERZ ein postmoderner Roman ist“ (82), lässt einige Fragen offen.
Man kann Funkes Romane durchaus als selbstreferentielle Auseinandersetzung mit dem Prozess des Schreibens und der Frage nach der Macht des Autors, des Lesers und des Textes in postmodernen Zeiten (wobei diese Zuordnung noch überprüft werden müsste) lesen. Höhepunkt ist wohl der „selbstreferentielle Kurzschluss“ (33), bei dem der Autor Fenoglio metaleptisch in seiner eigenen Geschichte, im Metatext, verschwindet. Hier wäre es vielleicht sinnvoll gewesen, die sich aus dem von Heber auch erwähnten Topos vom „Tod des Autors“ nach Roland Barthes ergebende Macht des Lesers und Dekonstruktion des Autors zu erwähnen. Denn wenn der Autor letztlich sogar hinter
seiner eigenen Geschichte verschwindet, dann lässt Funke hier eine Forschungsposition der Postmoderne anklingen: Der Autor und der Schreibakt verblassen vor dem Hintergrund des Leseaktes, bei dem der Leser durch textübergreifende Bezüge als textuelles Angebote quasi dazu eingeladen wird, seine eigene Geschichte zu schaffen.
Also wer ist denn nun der Herr einer Geschichte? Die Frage stellen sich nicht nur die Leser der Tinten-Trilogie, sondern auch viele Literaturwissenschaftler. Heber verbleibt an diese Stelle aber im Buchstabenkäfig und unternimmt keinen Versuch, die von ihr sehr gut und textnah herausgearbeiteten textimmanenten Erkenntnisse auf die nächste Ebene zu hieven, dort literaturwissenschaftlich näher zu beleuchten und in den Kontext aktueller Forschungsdiskussionen zu stellen. Es wäre vielleicht sinnvoller gewesen, die Konzepte nicht in der chronologischen Reihenfolge der drei Romane zu analysieren, sondern eine themenorientierte Gliederung nach Schwerpunkten zu erstellen. So hätten sich erstens die ständigen Selbstzügelungen wie etwa „worauf später eingegangen wird“, oder „dazu unten mehr“, die den Leser nur ablenken und verwirren, erübrigt, und 2. wären dann die Stoßrichtung der Dissertation und die Gründe für die Beschäftigung mit diesem Thema vielleicht deutlicher geworden: Die nämlich bleiben bereits in der Einleitung bis auf die angepeilte Spurensuche seltsam unklar.


