LesePeter Jugendbuch - Auswahlliste 2012-08-01

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Der LesePeter ist eine Auszeichnung der AJuM, der in den Sparten Bilder-, Kinder-, Jugend- und Sachbuch monatlich abwechselnd vergeben wird. Die Auswahl fällt nicht immer leicht. Es folgen Kurzrezensionen aus dem Bereich LesePeter Jugendbuch, aus denen der LesePeter Jugendbuch 2012-Juni gewählt wurde.

Die ungekürzten Besprechungen – ggf. auch weitere von anderen Rezensenten – sind in der DATEINBANK der AJuM unter www.ajum.de nachzulesen.

 



Stehle; Karin: Spenderkind
Thienemann 2012
ISBN 978-3-522-30284-5
237 Seiten, 12,95€ Ab 14 Jahren sehr empfehlenswert


Lina lebt in einer in jeder Hinsicht vorbildlichen Familie. Aber in dem Augenblick, in dem sie nicht so recht weiß, wer und was sie eigentlich ist, trifft sie eine Bombe: Sie hat einen anonymen leiblichen Vater, ist aus einer Samenspende entstanden. Ihre Welt bricht zusammen, und mühsam muss sie ihr Leben neu ordnen. Aber die stabile Umgebung von Familie und Freunden helfen ihr dabei.
Warum haben ihre Eltern nie etwas davon erzählt? Die Antwort ist so banal wie dramatisch: Der Großvater hatte eine Erbkrankheit, deshalb wollten sie nicht selbst ein Kind zeugen, sondern lieber einer Samenspende trauen. Die junge Ich-Erzählerin ist nicht die intellektuelle Forscherin, sie nimmt das Problem weniger wahr als den "Betrug", der ihr galt.
Dazu kommt, dass ihr Freund nicht das ist, was sie sich wünscht. Sie lernt Nick kennen, der neugierig machend riecht und sympathisch ist. Gerüche spielen für sie eine überaus große Rolle. Nick hilft ihr und lässt sich durch Zickereien nicht irritieren. Mit ihm macht sie ihre erste sexuelle Erfahrung. Und sie trifft die erste richtige Entscheidung in ihrem Leben: gegen die Erwartungen ihrer Clique, mit der Billigung ihrer Eltern. Und die Freundin hält unkompliziert zu ihr.
Die Welt ist anders geworden. Dass Erwachsenwerden nicht nur aufregend, sondern auch schmerzhaft ist, zeigt die Autorin mit ihrer emotionalen, sinnlichen Heldin beispielhaft gut.




Dorn, Wulf: Mein böses Herz
cbj 2012
ISBN 978-3-570-16095-4
413 Seiten, ab 14 Jahren sehr empfehlenswert


Doro wirft sich vor, ihren kleinen Bruder umgebracht zu haben. Sie ist bei einem Nervenarzt in Behandlung, der sehr überlegt mit ihr umgeht. Als sie einem Jungen begegnet, der Selbstmord begangen hat, ist nicht nur sie überzeugt, dass das zu ihren Fantasien gehört.
Doro, 16, gerät in immer neue Albträume. Und der Leser stellt erstaunt fest, dass der Autor sich exakt auf dem Grat zwischen psychologisch fundierter Erzählung und Fantasy bewegt. Doros Trauma wird nach und nach entschlüsselt, der Leser erfährt viel über Psychologie und das Funktionieren unseres Gehirns. Doros Albträume setzen sich bis zum Schluss der Handlung durch, treiben die Ich-Erzählerin immer weiter voran auf ihrer Suche nach der Wahrheit. Der Täter ist dem Leser bald bekannt, bleibt aber bis zu den letzten Seiten unverdächtig, während eine immer größer werdende Gewaltspur sichtbar wird. Sein böses Herz ist das zweite Ich, das ihn im falschen Augenblick das Falsche tun lässt.
Das zweite Ich der Erzählerin wiederum ist das wirklich Böse, das sie verzweifeln lässt und das vom Täter benutzt wird, um sie selbst glauben lässt, verrückt zu sein. Doro ist Synästhetikerin, sensibel registriert sie mehr als andere. Heldin und Leser verdächtigen erst den Falschen und sind dann beide überrascht von der Lösung. Doro nimmt Menschen und ihre Umgebung in Farben wahr, die ihr die Charaktere anderer und auch deren Stimmungen verdeutlichen. Das ist manches Mal belustigend, manchmal aber auch beängstigend. Psychologisch vielschichtig, spannend - sehr empfehlenswert!



Whelan, Gloria: Die kleinen Revolten der Rosy James
Aus dem Englischen von Ute Mihr
Thienemann 2012
ISBN 978-3-522-30293-7
219 Seiten, 12,95€ ab 14 Jahren sehr empfehlenswert


1915 ist Rosy 15, Tochter eines britischen Offiziers, und lebt mit ihrer Familie in der britischen Kolonie Indien. Mit ihrer gleichaltrigen indischen Freundin, mit der sie aufgewachsen ist, durchstreift Rosy Basar und Stadt. Der Vater kommt zurück und ist so entsetzt über den Lebenswandel der Tochter, dass er sie nach London schickt. Dort wohnt sie bei zwei Tanten, muss ihrer Mutter wegen bald nach Indien zurück.
Rosy erzählt ebenso temperament- wie humorvoll in Ich-Person, die Charaktere sind fast reine Karikaturen: Rosy ist die Neugierige, die Mutter ist entscheidungsschwach und leidend, der Vater der Aufbrausend-Entscheidungsstarke, die eine Tante die Missmutige, die an allem etwas auszusetzen hat, was ihr neu oder fremd ist, die zweite Tante das Opfer, das über sich entscheiden lässt, weil sie selbst nichts entscheiden kann, dennoch aber voller Träume steckt. Die einzig Normalen scheinen die Inder zu sein, die als Bedienstete im Haushalt leben. Nur sie stecken voller Leben und Probleme, aber können damit letztlich gut umgehen. Die Kinder der anderen Briten dagegen sind hochnäsig, oberflächlich, nur der Sohn einer Exzentrikerin, die nicht nur im Club sitzt, sondern ein Heim für elternlose indische Kinder betreibt und deswegen von den anderen "Damen" der Gesellschaft verachtet wird, hat eine eigene Meinung und entwickelt Sympathien für die Inder. Die andere Seite des Commonwealth!


Putnins, Maris: Die wilden Piroggenpiraten – ein tollkühnes Abenteuer um eine entführte Mohnschnecke und ihre furchtlosen Retter
aus dem Lettischen von Matthias Knoll
Illustrationen von Karsten Teich
Fischer Schatzinsel 2012
ISBN 978-3-596-85452-3
652 Seiten, 14,99€ Ab 12 Jahren sehr empfehlenswert


Mohnschnecke wird von Piraten entführt. Aber bevor die wissen, was sie wollen, hat sie ihnen bewiesen, wie mutig und fähig sie ist. Sie wird zur Kapitänin gewählt und führt die Piraten zu ungewohnten Erfolgen. Bei einem Landgang wird sie verhaftet, zum Tode verurteilt und in letzter Sekunde von den Piraten gerettet. Jede Tragik wird der Erzählung genommen dadurch, dass alle Handelnden Gebäcke sind, was urkomische Effekte ergibt.
Die aberwitzige Geschichte ist eigentlich eine Seeräubergeschichte der feinsten Art: Die wilden Piraten werden von einer Mohnschnecke an die Kandare genommen. Sie, die bislang in Dreck, Gestank und Suff lebten, werden von ihrer Gefangenen vorgeführt. Sie kapern ein Parfümerieschiff und müssen fortan gewaschen, rasiert und wohlriechend ihren Dienst versehen. Mohnschnecke schafft es nicht nur, die gesamte Mannschaft ihr gewogen zu machen, sondern der Kapitän verliebt sich (in urkomischen Szenen) hoffnungslos in sie und geht ins Kloster, als er von ihr (sehr offen, aber nett) abserviert wird. Sofort wird sie als sein Nachfolger gewählt. Mit einer unglaublichen Ideenvielfalt überlistet sie alle Feinde, das Bravourstück ist die Überlistung der gesamten spanischen Armada, zu der sie alle Piraten vereinen konnte.



Jansen, Hanna: Herzsteine
Peter Hammer 2012
ISBN 978-3-7795-0374-3
200 Seiten, 14,90€, ab 14 Jahren sehr empfehlenswert


Sams Mutter Fe ist in einer Krise, die Familie zieht deswegen für ein Jahr nach Sylt. In der Schule dort verliebt er sich in Enna, aber bald fliegt die Familie nach Ruanda, wo Fe sich ihrer Vergangenheit stellt. Sie entkam 1994 als Einzige ihrer Familie dem Genozid. Sam ist ihr eine große Hilfe, den Rückflug treten Vater und Sohn aber alleine an.
Sam versucht verzweifelt, einen wirklichen Kontakt zu seiner Mutter aufzubauen, und es gelingt: In einer langen Nacht erzählt sie ihm endlich ihre Geschichte, die der Leser in Bruchstücken bereits zu lesen bekam. Sam wird klar, dass die Mutter nicht mit nach Deutschland zurück kann, jedenfalls noch nicht so bald. Und der Vater muss erkennen, dass er nicht von seiner Frau geliebt wird, sondern einfach der rettende Engel für sie war, der sie in ihrer größten Not aus dem Elend befreien konnte.
In Bruchstücken erfährt der Leser vom Genozid, Sam und sein neu gefundener Vetter besuchen die Gedenkstätte, er erlebt, wie die Menschen in diesem traumatisierten Land mit Tod umgehen, dass ein Menschenleben dort auch heute noch viel weniger zählt als bei ihm Zuhause.
Sam ist - neben seiner Freundin Enna - eine lebensnahe Identifikationsfigur für den Leser, die Genozid-Gräuel werden homöopathisch dosiert erzählt: Eine gelungene Geschichte, die unaufdringlich aufklärt.




Genovesi, Fabio: Fische füttern
Aus dem Italienischen von Rita Seuß und Walter Kögler
Lübbe 2012
ISBN 978-3-7857-2445-3
430 Seiten, 19,99€, ab 16 Jahren sehr empfehlenswert


Ein kleines Dorf in der Nähe von Pisa. Fiorenzo, 19, erzählt übersprudelnd von seinem Leben, seiner heavy-metal-Band, seiner Liebe und dem Rennradsport. Sein Vater ist Trainer eines Genies, das allen anderen auf den Senkel geht.
Fiorenzo ist der typische Verlierer, nichts gelingt ihm so recht, aber seine Zuversicht behält er unbeirrbar, er bleibt sarkastisch und humorvoll. Er verlor seine rechte Hand, als er zu blöd war, die selbst gebastelte Bombe rechtzeitig wegzuwerfen. Und der komische Höhepunkt ist der erste Auftritt seiner Band: Er springt auf die Bühne, schreit sein Programm - und die Zuschauer rufen: RA-US! Dabei bleibt es. Als dann auch noch der von seinem Vater neu entdeckte Superradfahrer Mirko in seinem Zimmer einquartiert wird, zieht er gleich in das Lager des väterlichen Anglerbedarfsladens. Tiziana, deutlich älter als Fiorenzo und dennoch mit ihm zunehmend intensiver befreundet, ist nach Ausflügen in die Welt völlig unterqualifiziert beschäftigt im kleinen Ort gelandet. Missverständnisse, Aufschneidereien, Vorurteile, Ehrgeiz und Destruktion, sind Themen, die die kleine Welt bewegen, in der der skurrile Anglerladen mit eine Hauptrolle spielt. John Steinbeck lässt grüßen.



Voorhoeve, Anne C.: Unterland
Ravensburger 2012
ISBN 978-3-473-40074-4
434 Seiten, 16,99€, ab 12 Jahren sehr empfehlenswert


Kurz vor Kriegsende wird Helgoland von den Briten bombardiert, die Bewohner fliehen ans Festland. Alice findet in einem Hamburger Wohnhaus Unterschlupf, auch andere Flüchtlingsfamilien stoßen dazu. Die kalten Winter der ersten Nachkriegsjahre fordern den Einsatz aller, der Schwarzmarkt rettet sie letztlich vor dem Hunger- oder Kältetod. Der Besatzungsarmee wird misstraut, auch weil sie die Naziverbrecher verfolgt. Die Hausgemeinschaft muss sich damit auseinandersetzen.
Die Autorin lässt die 14-jährige Alice erzählen, so klar und gleichzeitig beschränkt in ihrer Wahrnehmung, dass nicht nur das Mädchen zu einem glaubhaften Charakter wird, sondern auch ihre Unwissenheit vom Krieg, den Nazi-Gräueln und der unmittelbaren Geschichte. Alice wächst auf Helgoland auf, das erst in den letzten Kriegsmonaten Schauplatz des Krieges wurde. Dabei wird Alice schwer verwundet und braucht dann gut 150 Seiten, um mitteilen zu können, dass sie den linken Unterschenkel verloren hat. Ihr ist es nicht einfach, darüber zu reden, obwohl sie ständig Probleme mit der Wunde hat, mit der schlechten Prothese (Kinder werden schlecht versorgt, erst kommen die Soldaten an die Reihe), mit der Reaktion der Menschen auf ihre Behinderung. Dieses Problem durchzieht die gesamte Erzählung, auch wenn sie die Scheu, darüber zu reden, am Ende, zwei Jahre nach Erzählanfang, fast verliert. Aber eben nur fast.



Behrens, Katja: Der Raub des Bücherschatzes
München: Hanser 2012
ISBN 978-3-446-23887-9
208 Seiten, 14,90€, ab 12 Jahren sehr empfehlenswert


Dreißigjähriger Krieg: Tilly, der mächtigen Gegenspieler Wallensteins, steht vor Heidelberg. Seine Truppen verheeren die Stadt, Frauen und Mädchen werden vergewaltigt. Anna und Jakobe können sich danach retten, indem sie sich als Jungen verkleiden. Mit dem Tross des Papstes, der die große Bibliothek erhalten soll, ziehen sie nach Rom. Der beschwerliche Weg kostet Blut und Tränen, nach drei Monaten sind sie frei und kennen die Liebe ihres Lebens.
Katja Behrens beschreibt ihre Heldinnen von innen. Jakobe hat Angst nach ihrer Vergewaltigung. Sie ist schwanger und hat Angst vor der Ungewissheit, vor der Entdeckung, vor den groben Söldnern, vor dem Wetter, der Kälte, vor den Bergen, vor den Hexenjagden, vor Vampiren - vor der ganzen Welt. Aber sie ist dieser Angst nicht völlig ausgeliefert. Gemeinsam mit ihrer Freundin Anne entschließt sie sich, das Kind abzutreiben. Die beiden verwandeln sich in Jungs und heuern bei dem Jesuitenpater an, der die große Bibliothek in den Vatikan transportieren soll. Jacobe findet schnell Freunde, vor allem Max, in den sie sich verliebt, den aber verwirrt ist, dass er von einem Jungen angehimmelt wird. Gefährlich wird es, als Jacobes Peiniger aus Tillys Armee sie erkennt. Aber Jakobe spürt, dass der Söldner auch seine Ängste hat, keiner der ihr gefährlich werdenden Menschen ist frei von Ängsten.
Dieser außergewöhnliche Historienroman ist ein Exkurs in viele Bereiche des Lebens - und lebendig und spannend geschrieben.




Zöller, Elisabeth: Vaters Befehl oder Ein deutsches Mädchen
Fischer Schatzinsel 2012
ISBN 978-3-596-85447-9
268 Seiten, 12,99€, ab 14 Jahren sehr empfehlenswert


Paula verehrt Adolf Hitler und liebt ihren Vater, der Polizeimajor in Münster ist. Sie ist im BDM organisiert, aktiv dabei und hat viele FreundInnen. Erst 1941 bekommt sie mit, dass das Naziregime nicht das ist, was sie dachte.
Eine schier unglaubliche Geschichte hat Zöller hier ausgegraben: die der Kinder von den Tätern. Derlei Geschichten habe ich - außer in den entsprechenden Sachbüchern - noch nicht gelesen. Dem jungen Leser kann hier vielleicht vermittelt werden, wie es zu erklären ist, dass so viele Menschen an den Führer wirklich glaubten. Hätte Paula nicht lange zuvor die Freundschaft zu einer “Halbjüdin” (ein absurder Begriff) aufgebaut, hätte sie sich nie gegen den übergroßen Vater gewehrt. Und der hätte keinerlei Grund gehabt, derart Menschen verachtend zu reagieren - wie er es ja tagtäglich in seiner Berufsausübung gewohnt war.
An dem Konflikt, den Vater einerseits zu lieben und andererseits seine Verbrechen klar zu erkennen, zerbricht das junge Mädchen schier. Für lange Zeit verliert sie die Sprache. Zöller beschreibt diese Sprachlosigkeit als die Äußerung des Konfliktes, dass das Mädchen kaum glauben kann, von ihrem Vater dermaßen missbraucht worden zu sein.
Die Lektüre provoziert für junge Leser eine Fülle von Fragen.