Diskutiert: Krieg - Stell dir vor, er wäre hier

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Nachdem bereits Janne Tellers "Nichts. Was im Leben wichtig ist", das im Herbst 2010 im Hanser Verlag erschienen ist, kontrovers diskutiert worden ist, gibt es auch über ihr neues Buch "Krieg", das im Frühjahr 2011 auf Deutsch erschien, sehr unterschiedliche Einschätzungen.

PRO:
Du kannst dich nicht entziehen. Fordert Janne Teller zunächst noch, dass du dir etwas vorstellen sollst, so schreibt sie später so, als wären es Tatsachen – und sie spricht dich immer an: «… Deine kleine Schwester wurde von Granatsplittern am Kopf verletzt...» Die gesellschaftliche Situation wird verändert: Du bist vor dem Krieg geflohen und lebst in einem fremden Land in einem Lager.

Janne Teller: Krieg

Janne Teller: Krieg
München: Hanser 2011
978-3-446-23689-9
60 S * geb * 6,90 * 10-99 J

sehr gut als Klassenlektüre geeignet

 

Janne Teller vertauscht nicht einfach existierende Situationen, sie schafft neue. Damit entfällt ein pädagogischer Zeigefinger («Hilf doch mal den Menschen, die bei uns leben. Stell dir vor, du wärst in ihrer Lage.»), und sie kann uns in diese Situation werfen. Die Häuser sind zerstört, Wasserrohre geplatzt, es gibt keinen Strom. Heckenschützen lauern, du hast Angst und Hunger. Du frierst. Deine Mutter wird den nächsten Winter im Keller nicht überleben. Es gibt Andeutungen, wie es dazu kommen konnte, man darf nicht mehr Demokrat sein, eine Gleichschaltungspolizei holt auch Kinder ab und foltert sie offensichtlich.

Es gibt keine Alternative zur Flucht. Aber wohin soll man fliehen, wenn kein Land eine weitere fünfköpfige Familie aufnehmen will? Und woher das Geld nehmen für die Fluchthelfer?

Die Autorin macht deutlich, warum die fremden Länder keine «dekadenten Menschen aus dem Norden aufnehmen» wollen. Jeden dieser Gründe können wir gut verstehen, nachvollziehen. Wir haben ähnliche Vorbehalte gegen die Menschen aus anderem Kulturkreis, die geflohen sind aus ähnlichen Situationen. Hier sind nun «wir» es, die im Norden Afrikas (Ägypten) um Asyl nachsuchen, in einer fremden Welt, in der wir nicht einmal die Sprache sprechen, in einem Lager, in dem man die französischen Flüchtlinge von den Deutschen trennen muss. «‚Ihr sollt eure Feindschaft nicht in unser Land mitbringen‘, sagen die ägyptischen Lagerangestellten.»

Janne Teller moralisiert nicht. Sie zwingt uns hinein in eine andere Tatsachen-Welt. Sie benutzt dazu eine eindringliche Sprache, verzichtet weitgehend auf Fremdwörter, spricht immer wieder den Leser direkt an. Der Druck ist sehr leserfreundlich und kommt auch ansonsten lesefaulen Kindern und Jugendlichen entgegen.

Die Illustrationen sind innovativ. Helle Vibeke Jensen arbeitet mit Rapporten, benutzt mehrfach das Symbol für ein Zielfernrohr: «Wir haben dich im Fadenkreuz! Du wirst uns nicht entkommen!» scheint es zu sagen. Hier die angeordneten Maschinenpistolen, dort die grauen Menschen inmitten von großen Sandwich-Türmen, dann Mensch mit Rucksack (etwas Kleidung zum Wechseln, eine Lieblingssache) angeordnet zu Reisepässen – die Anordnung der Wiederholungen, die einige Male vor leicht unscharfen Hintergrundbildern gesetzt sind, zeigen, was sich immer und immer wieder im Kopf abspielt.

Ein ganz ungewöhnliches Format des Buchs, denn es ist in der Größe wie der Farbe nach dem Reisepass nachempfunden. Damit musst du nun ausreisen, wenn es denn - was wir alle nicht hoffen - einmal so weit sein sollte.

Ein ganz wichtiges Buch ist Janne Teller wieder gelungen mit der Behandlung eines Themas, das – mit der veränderten Perspektive – unser eigenes Verhalten nachhaltig verändern kann, wird. Und es ist eins der ganz wenigen, das wirklich für jedes Alter geeignet ist.

 

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KONTRA

Teller, Janne: Krieg. Stell dir vor, er wäre hier. Illustrationen: Jensen, Helle Vibeke
Aus dem Dänischen von Sigrid C.Engeler. ISBN978-3-446-23689-9, Hanser Verlag 2011.
59 Seiten.

Nach dem Erfolg ihres umstrittenen Buches „Nichts. Was im Leben wichtig ist“, Hanser 2010 hat der Verlag sich jetzt beeilt, einen früheren Artikel der dänischen Autorin in einer Lehrerzeitung als eigenständiges Buch aufzulegen.
In Größe und Aufmachung eines Reisepasses, mit dem schlagwortartigen Titel erregt das kleine Büchlein mit einer werbewirksamen Einführung (Veranstaltung am 21.3.mit der Autorin in den Nordischen Botschaften in Berlin direkt nach ihren Auftritten auf der Leipziger Buchmesse) mediales Aufsehen.

Das Büchlein mit seinen knapp 20 kleinen Textseiten ist in 20 Minuten schnell zu lesen. Der Untertitel stellt die zentrale Frage. Dabei wird je nach Sprache  eine Adaption  an die Verhältnisse im Herausgeberland  vorgegeben, was allerdings in der deutschen Ausgabe historisch nicht recht durchdacht ist, wenn es z.B. um das Verhältnis von Deutschland und Frankreich geht. Der dänische Artikel von 2002 war ein Beitrag zu der zugespitzten Debatte in Dänemark um die liberale Flüchtlingspolitik des Landes, das Aufkommen der rechtspopulistischen Partei und als Voraussetzung wurde ein Krieg zwischen den skandinavischen Ländern engenommen.
Schon dies ist wenig vergleichbar. Die letzte Auseinandersetzung in Skandinavien zwischen den Nachbarländern wurde 1905 durch den Verzicht des schwedischen Königs auf Norwegen friedlich beigelegt, während sich Deutschland und Frankreich 1870/71, 1914-18 und 1939-1945 jeweils als Feinde in einem erbittert geführten Krieg gegenüberstanden und eine französische Besatzung wenigstens ältere Leser an das Saarland und Elsass nach dem 2. Weltkrieg erinnert.

„Hier“ ist also Deutschland, das sich im Krieg mit Frankreich. Spanien und Griechenland befinden soll und bombardiert wird. Die Demokratie der Europäischen Union ist zusammengebrochen. Der Vater der Familie ist in den Nahen Osten geflohen, die Mutter schwer krank, der ältere Bruder Mitglied der „Milizia“, der kleinere Bruder wird von der „Gleichschaltungspolizei“ abgeholt und gefoltert, die kleine Schwester liegt mit Granatsplitterwunden im Krankenhaus. Die Großeltern wurden von Bomben getötet. Ein Horrorszenario, aber ein reines Gedankenspiel.
Die Autorin verwendet durchgehend einen Trick, um die Aufmerksamkeit des Lesers zu erreichen: Sie spricht ihn direkt an, sodass man erst allmählich dieses „Du“ als männlich, anfangs 14 Jahre alt, identifizieren kann. Doch keine ihrer Figuren gewinnt Kontur, Charakter, Individualität. Alle bleiben komprimierte Statistiken einer Flüchtlingspolitik, für die die Autorin laut Nachwort gearbeitet hat.
So, als ob es nur e i n e n Weg, e i n e Entwicklung für einen 14-jährigen geben würde, der durch einen Krieg in seinem Land zur Flucht und ins Asyl eines anderen Landes gezwungen würde, einen Weg in die unterschwellige Wut auf sein „falsches“ Leben.
Dieses andere Land ist bei Teller Ägypten. Ein fiktives Land, in dem man arabisch spricht, europäische Frauen für schlecht erzogen hält, aber minderjährige Mädchen schwängert. Diese „kleine Schwester“ wird von der Familie zurück, d.h. in das französisch besetzte Deutschland geschickt, wo sie zwar das Kind bekommt, aber dann drogenabhängige Punkerin wird und eine Sicherheitsnadel in der Unterlippe trägt. Ist das die Alternative zu Kopftuch und Verliebtsein in einen älteren Mann?

In vielen Punkten dreht die Autorin die ablehnende Flüchtlingspolitik der europäischen Staaten einfach um, setzt kursiv ein, was ihr besonders wichtig erscheint, was aber dem „Du“ in den Mund geschoben wird, z.B. wenn es über die Rückkehr in ein zweitklassig genanntes  Leben in dem inzwischen von Frankreich besetzte Deutschland heißt: “In gewisser Weise ist das fast schlimmer als der Krieg.“ (S.40)

Auch wenn der gedankliche Anstoß der Autorin bedenkenswert und die Sprache (inklusive grammatischer Fehler in der Übersetzung), einfach ist, so dass man es ab 12 J. einsetzen könnte, kann ich dieses Büchlein für Jugendliche nicht empfehlen.

Das Nachwort formuliert den Anspruch, den Leser dazu einzuladen, das Leben der anderen nachzuvollziehen und sich verantwortlich zu fühlen. Der Text bleibt ein Appell, literarisch wird dieser Anspruch nicht eingelöst.

 

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Wie umstritten auch das erste Buch von Janne Teller, "Nichts. Was im Leben wichtig ist" (Hanser 2010 )ist, zeigen die Rezensionen aus der Datenbank www.ajum.de, die kaum unterschiedlicher in ihrer Beurteilung sein könnten und gerade deshalb Anregungen zur Auseinandersetzung geben.

Rezension mit der Beurteilung sehr empfehlenswert

Rezension mit der Beurteilung empfehlenswert
Rezension mit der Beurteilung empfehlenswert

Rezension mit der Beurteilung eingeschränkt empfehlenswert
Rezension mit der Beurteilung eingeschränkt empfehlenswert

Rezension mit der Beurteilung nicht empfehlenswert

Beurteilung der Hörspielfassung


Über die Autorin (Quelle: Wikipedia):
Janne Teller (geb. 1964 in Kopenhagen) stammt aus einer deutsch-östereichischen Familie. Als Makroökonomin arbeitete sie von 1988 bis 1995 als Beraterin für die EU und für die UNO in Daressalam, brüssel, New York und in Mosambik. Seit 1995 widmet sie sich ganz ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin und lebt abwechselnd in New York, Mailand, Paris und Kopenhagen. Werke von Janne Teller wurden in zwölf Sprachen übersetzt.
Werke und Preise
•    Odins Insel. (Odins ø, 1999) Goldmann, München 2002, ISBN 3-442-75091-1
•    Nichts. Was im Leben wichtig ist. (Intet, 2000) Hanser, München 2010,
ISBN 978-3-446-23596-0
•    Krieg. Stell Dir vor, er wäre hier. (Hvis der var krig i Norden, 2004) Hanser, München 2011,
ISBN 978-3-446-23689-9
•    Die sieben Leben der Katze. (Kattens tramp, 2004) btb, München 2010,
ISBN 978-3-442-74027-7
•    Kom (2008)

•    2001 Jugendbuchpreis des dänischen Kulturministeriums für Intet
•    2008 Le Prix Libbylit für die französische Ausgabe von Intet (Rien)