Ab 12: Wie schön weiß ich bin - gelobt und umstritten

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Deutscher Jugendliteraturpreis für ein rassistisches Buch?

  • Im Feuilleton hochgelobt, mit Preisen ausgezeichnet – und dennoch umstritten!
  • Rassismus im Jugendbuch – unreflektiert, unerheblich, unkritisch, weil literarisch?
  • Ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendbuchpreis 2006 (Jugendbuch) und dem Gustav-Heinemann-Friedenspreis 2006

Dolf Verroen: Wie schön weiß ich bin.

Umschlagbild: Wolf Erlbruch
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Peter Hammer Verlag 2005
ISBN 3-7795-0039-6
70 Seiten, 12,- €
Als Hörbuch, gesprochen von Laura Tonke und Dolf Verroen, HörCompany 2006, ISBN 3-939375-04-7, 12,90 €

 

Inhalt

Maria wird an ihrem 12. Geburtstag zum ersten Mal als Erwachsene angezogen und behandelt und erhält einen kleinen schwarzen Sklaven in einer Suppenterrine auf den Tisch gestellt. Ab jetzt gehört Koko ihr, und sie kann mit ihm machen, was sie will: Die Tante schenkt ihr eine Reitpeitsche dazu. In den Gesprächen der Tanten und ihrer Mutter, im brutalen Umgang ihrer Eltern mit den Sklaven, die selbstverständlicher Bestand des Haushaltes sind, lernt sie diese als Gegenstand anzusehen, den man beschimpfen, schlagen, demütigen, erpressen, umtauschen, verkaufen, töten kann. In 40 Kurzkapiteln auf nur 70 Seiten lässt der niederländische Autor (geb. 1928) die Zwölfjährige von ihrem Alltag, ihren Gedanken und Wünschen in kurzen, einfachen Sätzen erzählen. Unkritisch und naiv übernimmt Maria die Einstellungen und Verhaltensweisen ihrer Umgebung genau wie ihre weibliche Rolle, was sie bedauernd über den noch nicht vorhandenen Busen immer wieder zum Ausdruck bringt. Nur wenn der Vater sich auf dem Sklavenmarkt eine neue Geliebte aussucht, weil die Mutter die schöne Vorgängerin verunstaltet hat, versucht sie ihn davon abzuhalten. Als sie Koko gegen eine erwachsene Sklavin aus dem Haushalt einer Tante eingetauscht hat, ist die Empörung groß, als diese Sklavin schwanger ist, ihr Kind gebärt und sich auch noch die Freiheit nimmt, es zu stillen. Maria erpresst aus ihr die Information, dass der von ihr angehimmelte Cousin die Sklavin geschwängert hat. Jetzt freut Maria sich über das Versprechen der Mutter, dass sie bald in ein Internat in der Schweiz kommen wird, um die für ihr Leben notwendige Bildung zu bekommen. Erst aus dem Nachwort des Autors erfährt der Leser, dass er diese Geschichte in der vormals niederländischen Kolonie Surinam im 19. Jahrhundert ansiedelt.

Pro-Stimmen

Pro-Stimmen Die Rezensionen in den einschlägigen Feuilletons waren durchweg positiv, berücksichtigten aber das Nachwort des Autors mit keinem Wort, als hätten sie es nicht gelesen. Am differenziertesten äußerte sich BIRGIT DANKERT für die Jury von ZEIT und Radio Bremen:
Ich will einen kleinen Sklaven!
Zum 12. Geburtstag bekommt Maria einen kleinen Sklaven geschenkt, doch der wird bald wieder verkauft – zusammen mit der Sklavin, die kurz einmal Vaters Geliebte war und dann von der Mutter verunstaltet wurde. Maria freut sich auf eine neue Sklavin, doch die kriegt ein Kind von dem jungen Mann, den Maria später heiraten soll. Über solche Rücksichtslosigkeiten von Schwarzen darf man sich mit Fug und Recht ärgern! Doch erst einmal kommt eine Gouvernante, und Maria freut sich auf die Zeit im Schweizer Internat. Auch der Busen wird noch wachsen, wie es sich gehört. Keine Angst, sie ist ja »schön weiß«, ihr kann also nichts passieren! In vierzig kurzen, wie Strophen eines Prosagedichtes angeordneten, inneren Monologen erzählt Maria, verfolgen wir die Gedanken, das Leben und die Lebenslüge eines jungen Mädchens auf einer Teeplantage in Surinam, in Südamerika, wo Sklaven aus Afrika für die niederländischen Kolonialherren arbeiteten. Das offizielle Ende dieser Sklaverei im Jahre 1863 wird in den Niederlanden jedes Jahr am 1. Juli gefeiert – ein Feiertag, der in den letzten Jahren angesichts der politischen Ereignisse neue Brisanz erhalten hat.

Dolf Verroen, 1928 geboren und seit Jahrzehnten angesehener, ins Deutsche übersetzter Kinderbuchautor der Niederlande, zielt jedoch nicht auf aktuelle, kurzlebige Bezüge. Aus der beschränkten, unzensierten Kleinmädchen-Sicht schildert er nicht weniger als archetypische Situationen des Weges zum Rassismus. Der Vater, die Mutter, die Tanten zeigen dem Kind, wie es geht: Der Sklave dient nicht nur der Bequemlichkeit, sondern auch als Zielscheibe für Langeweile, Ratlosigkeit, Aggression und Gier. Wie schön weiß Maria ist, spürt sie nur im Gegensatz zum minderwertigen Schwarz der Sklaven.

Noch weiß sie nicht, mit welcher Spielart des Rassismus ihr Wunsch nach einem wohlproportionierten – weißen – Busen zusammenhängt. Doch die verdrängte Sexualität der weißen Kolonialgesellschaft hängt wie ein Schleier über jedem Gespräch, jeder Szene und wird als Verschulden immer nur bei den Sklaven sichtbar. Daher darf man sie schlagen, demütigen, töten. Für jedes eigene Versagen lässt sich eine Schuld des Sklaven finden.

Und ebenso wenig nimmt Maria wahr, dass ihr zwölfter Geburtstag sie nicht nur berechtigt, zu herrschen wie die Erwachsenen, sondern sie gleichzeitig beschränkt: durch die Übernahme der weiblichen Rolle. Denn einen Sklavenjungen bekommt sie erst, nachdem mit Perlenkette, Mieder, hohen Absätzen und Handtasche ihre kindliche Bewegungsfreiheit eingeengt, in »weibliche« Bahnen gelenkt wurde. Zur Belohnung erhält sie dafür einen kleinen schwarzen Leibeigenen geschenkt. Schon für die diskrete, aber schonungslose Offenbarung dieser Zusammenhänge in einem Kinderbuch des vermeintlich aufgeklärten 21. Jahrhunderts gebührt dem Autor Lob und Anerkennung.

Was aber tun, wenn junge Leserinnen sich mit Maria identifizieren, in ihr ein beneidenswertes Luxusgeschöpf sehen und sich einen Sklaven wünschen? Auf alle Fälle haben sie dann viel von der Botschaft des Buches verstanden! Denn in jedem, zu jeder Zeit lauert die Lust, sich selbst im Spiegel eines Fremden »schön weiß« und überlegen zu sehen – besonders wenn Eltern, politische Systeme und Ideologien dafür Lob, Anerkennung und kleine Geschenke bereithalten. »Alle Leute in dieser Geschichte sind erfunden, und doch ist das alles wirklich passiert«, schreibt Dolf Verroen im Nachsatz. »Alle diese Leute sind wirklich«, müsste man leider widersprechen.


Die Begründung der Jugendbuch-Jury wurde von dem Jury-Vorsitzenden OTTO BRUNKEN vorgetragen. Sie beschränkte sich – wie die vorausgegangenen lobenden Rezensionen in allen einschlägigen Feuilletons nur auf die literarische Wertung des Textes von Maria:

In vierzig kurzen, nach Art von Prosagedichten arrangierten Episoden erzählt Maria mit einfältiger Unbedarftheit vom Leben auf der Plantage und vom Umgang mit den Sklaven. Die herrschenden Zwänge und Normen hat sie ganz und gar verinnerlicht. Dass ihr eigenes Leben auf angemaßter Überlegenheit, Grausamkeit und Zynismus gründet, kommt ihr gar nicht erst in den Sinn. Die unreflektierte Selbstverständlichkeit, mit der das Mädchen das rassistische Gewaltverhältnis wahrnimmt und schildert, irritiert und provoziert den Leser und zwingt ihn zum Nachdenken. Dolf Verroen entwirft eine völlig neue literarische Form der Auseinandersetzung mit einem wichtigen historischen Thema. Er hat eine ganz leichte, von Rolf Erdorf ins Deutsche übertragene Sprache gefunden, die im krassen Gegensatz zum bedrückenden Inhalt steht. – Ab 12.

Das Nachwort des Autors wurde nicht erwähnt, nur die Information "Surinam, 19. Jahrhundert" – also weit weg in Zeit und Raum – entnommen.

Contra Stimmen

Gegen das Verschweigen des Nachwortes wandte sich HEIKE BRANDT (geb. 1947, Diplompädagogin, Übersetzerin u.a. von Mildred Taylor, Autorin u.a. von DIE MENSCHENRECHTE HABEN KEIN GESCHLECHT – HEDWIG DOHM, seit über 30 Jahren Kennerin und Rezensentin) mit einem Flugblatt, das sie direkt vor der Preisvergabe verteilte und auch an die Jury des Gustav-Heinemann-Friedenspreises sandte:

Diesen Diskussionsbeitrag verteile ich heute bei der Preisverleihung, weil sich hier sehr viele versammeln, die mit Kinder- und Jugendliteratur befasst sind, und weil ich möchte, dass darüber gesprochen wird. Wie schön weiß ich bin – lautet der provokante Titel des Buches von Dolf Verroen (Peter Hammer Verlag, aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf), das 2006 auf der Auswahlliste des Deutschen Jugendliteraturpreises steht. Das Besondere an diesem Buch: Ein Kind einer Sklavenhalterfamilie (19. Jhrt. heute Surinam) schildert aus seiner Innensicht seine Welt. Grausam, zynisch, selbstbezogen, unreflektiert. Zweifellos irritierend, "zwingt das zum Nachdenken" (Jury).

Das Verstörende an diesem Buch:
In seinem Nachwort erzählt der Autor in einem Ton, der dem Alter seiner LeserInnen angemessen sein soll, von der Entstehungsgeschichte des Buches. Dabei entgeht ihm, dass er selbst sich auf seine Innensicht beschränkt und deshalb – ähnlich wie seine Protagonistin – unreflektiert zu Äußerungen kommt, die mich mehr als irritieren. Vor allem, weil er mit seinen Erfahrungen eine Lehre vermitteln will: "Geschichte, das weiß ich jetzt, ist etwas, das man behalten und erinnern soll. Geschichte lehrt dich, woher du kommst, und recht verstanden, wohin es mit dir gehen soll." (S. 68)
Dolf Verroen war 1976 mit 48 Jahren zum ersten Mal in Surinam und erlitt einen Kulturschock:
"Alle waren schwarz, nur ich nicht. Die Marktleute waren freundlich und entgegenkommend, und doch kam ich mir wie ein Eindringling vor. Zum ersten Mal in meinem Leben dämmerte mir, wie sich Menschen mit dunkler Hautfarbe fühlen müssen, wenn sie zum ersten Mal nur unter Weißen sind. " (S. 65) Der Autor empfindet sich als Eindringling (warum eigentlich?) und unterstellt Menschen mit dunkler Hautfarbe, sich unter "Weißen" ebenso zu fühlen wie er sich unter "Schwarzen". Menschen mit dunkler Haut haben allerdings oft gute Gründe, sich unter Weißen unwohl zu fühlen, weil sie ausgegrenzt, angefeindet, angegriffen werden – auch heute noch. Der Autor hingegen hat sich ja nur selbst ausgegrenzt. Durch diesen eigenartigen Umkehrschluss, die Gleichstellung von zwei Situationen, die nur scheinbar gleich sind, wird der Eindruck erweckt, als wären anders Aussehende (Fremde) grundsätzlich Eindringlinge und ihre Ausgrenzung eine quasi "natürliche" Reaktion. Bei seinem zweiten Besuch auf Surinam beschäftigt sich Dolf Verroen mit der Geschichte des Sklavenhandels und erleidet einen weiteren Schock: "Als Kind, das den zweiten Weltkrieg erlebt hat, schockierte mich, dass die grausamsten Sklavenhalter jüdische Familien gewesen waren. Aus Opfern wurden auf einmal Täter; etwas, das ich nur schwer begreifen konnte. " (S. 66) Zwei Sätze, die vollkommen unvermittelt dastehen und mich außerordentlich befremden.
Ist der Autor immer noch das Kind von damals, das "in einfältiger Unbedarftheit" glaubt, alle Juden wären gute Menschen? Weil nur guten Menschen Unrecht getan wird?
Meint er mit "Opfern" die von den Nazis ausgegrenzten, gequälten, verjagten, vernichteten Menschen jüdischer Herkunft? Die quasi rückwirkend zu Tätern werden? Da es sich nicht um dieselben Menschen handeln kann, kann er hier nur pauschal "die Juden" meinen. Solche Sätze befördern/bestätigen Vorurteile.
Ebenso pauschal betrachtet die Protagonistin seiner Erzählung die Menschen aus Afrika. In Surinam erfährt der Autor selber so eine Pauschalisierung. Als er sich irgendwann richtig wohl fühlt im Land, sagt jemand zu ihm, der doch nachweislich keine Sklavenhalter, keine "Täter" in seiner Familie hat:
"Nein, Dolf, ein richtiger Freund wirst du für uns nie werden. Wir stammen von Sklaven ab und du bist ein Nachfahre von Sklavenhändlern." (S. 67) Das hat den Autor verletzt, was er aber durch Zustimmung auffangen kann: "Erst viel später habe ich nach und nach begriffen, dass jeder Mensch nur ein ganz kleiner Teil einer großen Historie ist. Durch meine weiße Haut gehöre ich für dunkelhäutige Menschen auf die falsche Seite." (S. 67)
Die Lehren der von Dolf Verroen vorgestellten Geschichte verstehe ich so: Wir wachsen in Zusammenhängen heran, für die wir keine Verantwortung haben, die wir nicht verändern können. Als Spielbälle "einer großen Historie". Wir sind nicht in der Lage, aus dem Kreis gegenseitiger Verletzungen und Kränkungen auszubrechen. Wir werden von unserer Hautfarbe, unserer Herkunft bestimmt, und es gibt keine Chance, einander als Individuen zu begegnen.
Diese fatale Botschaft und die oben aufgezeigten rassistischen Klischees will ich nicht unwidersprochen hinnehmen.
Heike Brandt – Berlin, Oktober 2006

Der Peter Hammer Verlag gilt dank seiner jahrzehntelangen engagierten Arbeit als unverdächtig, was die Auswahl seiner Autoren und Texte betraf. Immerhin wurde in diesem Verlag jahrelang die BAOBAB-Reihe herausgegeben mit Texten von AutorInnen aus Afrika und Lateinamerika, die von der Erklärung von Bern ausgewählt waren. BÖRSENBLATT online bat MONIKA BILSTEIN, Leiterin des Peter Hammer Verlags, um eine Stellungnahme zu den Argumenten von Heike Brandt. Als Dolf Verroen in Surinam eine Teeplantage besuchte, auf der einmal Hunderte von Sklaven für ihre niederländischen Kolonialherren arbeiten mussten, begann er, Geschichten aus dieser Zeit zu sammeln. Er begann zu lesen und mit Menschen zu sprechen, die Nachfahren dieser Sklaven waren, hörte von wahren Schicksalen und Begebenheiten und beschloss, ein Buch darüber zu schreiben. Beim Recherchieren erfuhr er, dass die meisten der Sklavenhalter in Surinam jüdische Familien waren. Im Nachwort zu seinem Buch, in dem er über seine ganz subjektive Begegnung mit diesen Geschichten berichtet, spricht er auch über die schockierende Wirkung, die es für ihn hatte, Juden, die er gewohnt war, in der Opferrolle zu sehen, hier in der Rolle der Täter fand. Wer das Buch gelesen hat, das in beeindruckender Weise die Abgründe menschlicher Grausamkeit ausleuchtet und so auf besonders augenfällige Weise anklagt, kann nicht auf die Idee kommen, der Autor könne eine andere Botschaft vermitteln als jene, die die Jurys des Gustav-Heinemann-Friedenspreises und des Deutschen Jugendliteraturpreises ausgezeichnet haben. Wir haben uns gefragt, warum die Journalistin Heike Brandt unmittelbar vor der Preisverleihung den Vorwurf einer rassistischen und antisemitischen Haltung des Autors auf Zetteln hat verteilen lassen. Heike Brandt ist Rezensentin mit guten Kontakten, das Buch ist ihr seit einem Jahr bekannt, was hätte näher gelegen, als einen Verriss zu schreiben?

Warum setzt sich Frau Bilstein nicht mit den Argumenten des Flugblattes auseinander? Das tat REINHARD GRIEBNER, der Vorsitzende der Jury des Gustav-Heinemann- Friedenspreises für Kinder- und Jugendbücher. Wir geben im Folgenden den Wortlaut der Diskussion zwischen ihm und Heike Brandt mit beider Einverständnis wieder und hoffen, dadurch weitere Diskussionen anzuregen.

Zur Diskussion gestellt

Reinhard Griebner:
Sehr geehrte Frau Brandt,
mit Ihrem Schreiben an die Landeszentrale für politische Bildung und dem beigefügten Flugblatt haben Sie Bedenken gegen die Nominierung des Buchs von Dolf Verroen "Wie schön weiß ich bin" (aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf, erschienen im Peter Hammer Verlag) für den Gustav-Heinemann-Friedenspreis 2006 deutlich gemacht. Stellvertretend für die unabhängige Jury des Preises möchte ich zunächst eines betonen: Die Mitglieder dieses Gremiums haben sich detailliert mit Ihrer Kritik auseinandergesetzt und sie gehen davon aus, dass Ihnen der Preis, mit dem Sie selbst 1992 ausgezeichnet worden sind, ähnlich viel bedeutet wie uns: Wir verstehen ihn gewissermaßen als Dreifach-Gütesiegel für Friedfertigkeit, Toleranz und Zivilcourage im Kinder- und Jugendbuch. Auch sollten Sie wissen, dass der Entscheidung für die Nominierung des Buchs von Dolf Verroen in der Jury eine lange und qualifizierte Diskussion vorangegangen ist. Dabei gab es sehr wohl auch kritische Stimmen, wenngleich sich diese auf andere Argumente beriefen, als Sie es tun. Ihre Kritik an Dolf Verroens "Wie schön weiß ich bin" geht allem Anschein nach von einer Grundannahme aus, die Sie nicht nur aus der Erzählung selbst, sondern aus dem Nachwort ableiten - und die wir definitiv nicht zu teilen vermögen. Sie setzen in Ihrem Text Figurenhaltung und Autorenposition gleich und unterstellen damit en passant, dass die Perspektive des Autors letztlich ebenso beschränkt und rassistisch sei wie die seiner Protagonistin. Dies begründen Sie, unseres Erachtens wenig nachvollziehbar, mit einzelnen, aus dem Kontext genommenen Zitaten aus Verroens Nachwort. Lassen Sie uns – unter Inanspruchnahme des letzten Satzes Ihrer Flugschrift, aus gegebenem Anlass geringfügig modifiziert – den Anlass unserer Erwiderung unterstreichen: Dieses fatale Missverständnis möchten wir nicht unwidersprochen hinnehmen. Wer die Erzählung unvoreingenommen liest, dem wird es schwer fallen, ihren Verdacht nachzuvollziehen. "Wie schön weiß ich bin" kommt nicht mit dem Ehrgeiz daher, das Attribut politisch korrekt einzuernten, ein Anspruch, den Literatur von Rang - Sie wissen es – niemals reklamieren wird und kann. Dolf Verroens Buch leistet vielmehr das, was die besten Vertreter seines/unseres Berufsstandes zu tun vermögen: Er liefert einen Text, der irritiert, verstört, provoziert – gerade durch die Wahl einer Perspektive, die Leserinnen und Leser umso eindringlicher zur Reflexion nötigt. "Wie schön weiß ich bin" ist aus unserer Sicht folglich nicht Anleitung zu selbstgerechter Kritik an anderen, sondern Anstoß, uns selbst zu fragen: Steckt nicht in jedem von uns auch ein Stückchen von dieser Maria – angelegt als latente Verlockung bzw. als subjektives Sicherheitsrisiko, uns selbst im Angesicht von Anderen, Fremden gelegentlich "schön weiß" und überlegen zu fühlen? Liebe Frau Brandt, fünf Jurys haben sich mittlerweile entschieden, das Buch zu prämieren – die des Heinemann-Preises und des Jugendliteraturpreises im Übrigen parallel, aber gänzlich unabhängig voneinander. Sehr unterschiedliche Menschen mit sehr unterschiedlichen persönlichen und professionellen Hintergründen. Vielleicht noch eindrucksvoller aber ist die Reaktion von Schülerinnen und Schülern, die das Buch lesen – und durchweg als produktiven Anstoß zur Diskussion begreifen. Bitte nehmen Sie dieses Schreiben als ein Angebot, miteinander im Gespräch zu bleiben und uns, wie der Namenspatron des Preises es vorgelebt hat, in wechselseitigem Respekt immer wieder in unsere eigenen Angelegenheiten einzumischen, insbesondere wenn es um Menschenrechte geht, um ein friedfertiges Zusammenleben und um Toleranz.


Heike Brandt:

Sehr geehrter Herr Griebner! Danke für Ihr Schreiben – nur leider ist es keine Antwort auf meine Kritik. Wie Sie leicht nachlesen können, habe ich mich gerade nicht auf den literarischen Text des Autors bezogen. Insofern empfinde ich Ihre Äußerung, dieses Buch – wie jeder literarische Text – komme nicht mit dem Anspruch daher, "politisch korrekt" zu sein, als unangebrachte Belehrung. Sie lässt mich aber ahnen, inwieweit die Prämierung dieses Buches (der gesamte Text!) in einen bestimmten, sehr aktuellen Diskurs passt. Politisch korrekt würde bedeuten, sich einem moralischen Diktat zu unterwerfen, einer Ideologie. Dagegen steht: Authentisch sein, zu seinen Gefühlen stehen und die zur Sprache bringen – auch wenn es "nicht korrekt" sein sollte. Das ist in der Tat entlastend und Grundlage jeder Auseinandersetzung – aber da kann man doch nicht stehen bleiben. Da geht es doch erst richtig los. Im Leben und natürlich auch in der Literatur. Auch die kann nicht beim einfachen Abbilden stehen bleiben, sie muss reflektieren. Und ich vermute, dass Dolf Verroen das auch so empfunden hat und seinem Buch deshalb ein Nachwort zugefügt hat. Er will jungen LeserInnen eine Erklärung geben, warum er diesen so verstörenden Text des jungen Mädchens geschrieben hat. Er will ihnen helfen, zu reflektieren – und scheitert, denn er findet keine wirkliche Reflektionsebene. Dolf Verroen macht im Nachwort nichts anderes als die Maria in seinem Text: Er nimmt lediglich seine eigenen Gefühle, seine Verwirrtheit, seine Unsicherheit, seine Vorurteile zur Kenntnis – und zwar ohne irgendetwas davon in einen Kontext zu setzen oder kritisch zu hinterfragen. Es sei denn, kritisch hieße, seine Vorteile laut sagen. Es sei denn, die Erschütterung darüber, dass "die" Juden die grausamsten Sklavenhalter waren, bedeutete eine Auseinandersetzung über philosemitische Vorurteile. Dolf Verroen wirft Erlebnisse und Gedankenbrocken hin, die für manche Erwachsene verständlich sein mögen, weil sie über einen ähnlichen Erfahrungshorizont verfügen und sich im Kopf dazu addieren, was Verroen – hoffentlich – gemeint hat. So kann ich mir auch erklären, dass diverse Jurys nicht lesen konnten, was da wirklich steht. Junge Menschen haben diese Hintergründe nicht, gerade deshalb finde ich die Lebensweisheiten, die ihnen – noch mal: im Nachwort – angeboten werden, fatal. Vorurteile werden, wie gesagt, eben nicht analysiert und kritisch hinterfragt, sondern ins Kleid der Authentizität gesteckt und damit zementiert. Wenn Verroen selbst den "Schwarzen" sagen lässt, es könne keine Freundschaft geben zwischen "euch" und "uns" – was für Chancen kann es dann noch geben? Und gerade diese Umdrehung – "die" wollen uns ja auch nicht, bestätigt die Vorurteile der Weißen auf sehr perfide Weise – "die" sind eben anders und Punkt. Das ist das, was meines Erachtens die Botschaft des Nachworts ist (unabhängig davon, ob Dolf Verroen das beabsichtigt hat oder nicht) – und die finde ich beängstigend. Und beinahe noch beängstigender, dass Menschen, die in Verlagen und Jurys sitzen und sich intensiv mit Texten beschäftigen, das nicht wahrnehmen können. Nicht trennen können zwischen dem literarischen Werk und einem belehrenden Nachwort. Wer mit Sprache arbeitet, muss sich auch mit der sprachlichen Form auseinandersetzen und genau analysieren, was da gesagt wurde. Gut gemeint ist noch lange nicht gut. Ich habe Entscheidungen über "beste" Bücher schon immer schwierig gefunden, weil sie letztlich immer subjektive Entscheidungen sind – Lesen ist ja eine sehr subjektive Angelegenheit – und mich deshalb auch nie zu irgendwelchen Entscheidungen öffentlich geäußert. Aber in diesem Fall bin ich der Meinung, dass das Nachwort in dem von Ihnen gepriesenen Buch nicht zum friedfertigen Zusammenleben beiträgt. Zur Toleranz vielleicht schon – denn tolerieren heißt dulden. Ich finde, damit ist es nicht getan. Ich will Menschen, die als "anders", "fremd" gesehen oder bezeichnet werden, nicht dulden, sondern akzeptieren – das heißt anerkennen, dass sie Menschen sind wie ich. Ohne wenn und aber. Wir sind alle anders, jeder einzelne Mensch ist besonders.

Mit freundlichen Grüßen! Heike Brandt
Reinhard Griebner:

Liebe Frau Brandt, für Ihre E-Mail vom 13. November danke ich. Auch wenn es mir nach wie vor schwerfällt, den Assoziationen zu folgen, die Sie aus dem Nachwort Dolf Verroens zu seinem Buch "Wie schön weiß ich bin" herleiten, halte ich unseren Dialog für gewinnbringend und nützlich: zumindest verstehe ich, wenngleich ich Ihre Interpretation nicht teile, jetzt jene Sorge besser, die Ihrer Wortmeldung zugrunde liegt. Und ich will gern bestätigen, dass mir Ihre Ausführungen, nebst Lust auf Widerrede, willkommenes Denkvergnügen bereitet haben. Vielleicht sollten wir an dieser Stelle einen Punkt machen, ein Komma oder ein Semikolon? Abschließend möchte ich beifügen, dass Sie jederzeit auf mich zählen dürfen, wenn Sie um Akzeptanz für Leute werben, die oberflächlich (oder wissentlich) als "anders" oder "fremd" etikettiert werden, und wenn Sie – gegenüber wem auch immer – die Besonderheit jedes einzelnen Menschen im Weltganzen reklamieren.

Mit freundlichen Grüßen, Reinhard Griebner


Mich hat die Lektüre des Buches und besonders des Nachwortes sehr schockiert und ich teile Heike Brandts kritische Einschätzung. Ich würde dies Buch keinem Zehn- bis Zwölfjährigen in die Hand geben, wie es eine Rezensentin voller Begeisterung empfahl. Das Nachwort verhilft nicht zur Reflektion, sondern verhindert sie. Woher soll ein Zwölfjähriger Wissen und Erfahrung über das Wesen von Rassismus und über den Zusammenhang von Sexualität und Macht haben, um diesem Text kritisch zu begegnen? Vorstellung und Diskussionen mit angehenden ErzieherInnen über das Buch erbrachten nur Kopfschütteln. Buchhändlerinnen äußern ihre Ratlosigkeit, wem sie dies Buch empfehlen sollten.