China

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Julim-journal/ Dr. Anna Zeeck

Lage der Kinder- und Jugendliteratur in China (2008)

Zur Zeit leben in China etwa 300 Mio. Kinder und Jugendliche im Alter von bis zu 18 Jahren.In den vergangenen drei Jahren erschienen für diese Zielgruppe auf dem Buchmarkt jährlichetwa 10.000 neue Titel mit 520 Mio. gedruckten Exemplaren. Vergleicht man den Anteil derKinderbücher am gesamten Bücherverkauf in China mit den entsprechenden Anteilen in denUSA und Europa, so liegt der Anteil in China mit 7% allerdings noch weit zurück hinter demAnteil von nahezu 20% in den westlichen Ländern.

Bei den neu erscheinenden Kinderbüchern ist die Tendenz steigend, sich mit Themen undProblemen aus dem realen Leben der Kinder zu befassen.

Nach 30 Jahren Reformpolitik in China ist die heutige junge Generation mit neuen komplizierten gesellschaftlichen und familiären Situationen konfrontiert. Dazu gehört z.B. die für das traditionelle China ungewöhnliche Ein-Kind-Familie, Familien mit nur einem Elternteil aufgrund der hohen Scheidungsrate, Verpflanzung vom Land in die Stadt durch die Migration der Wanderarbeiter, Aufwachsen bei den Großeltern aufgrund familiärer Probleme u.a.

 

Die neue Kinderbuchliteratur beschäftigt sich mit den Problemen der Kinder unter diesen Bedingungen, ihrem Familienleben, ihren Beziehungen zu Klassenkameraden und zu Lehrern. Z.B. schrieb ein zwanzigjähriger Autor in seinem Roman „Schweben“ über sein Leben auf einem Internat. Dieser Roman fand ein großes Echo in der Gesellschaft. Seine Eltern hatten ihn als ihr einziges Kind, auf das sich, typisch für die Ein-Kind-Familien, alle ihre Erwartungen konzentrierten, auf die beste Oberschule der Provinz geschickt. Er fühlte sich allein gelassen, litt unter dem Erwartungsdruck der geliebten Eltern, musste sich selbständig mit Lehrern, Mitschülern und den Leistungserwartungen der Schule auseinandersetzen. Einanderer, preisgekrönter Roman mit dem Titel „Blauer Himmel“ handelt von dem Kind einer Wanderarbeiterfamilie, das aus seinem heimatlichen Dorf mit den Eltern in die Großstadt ziehen musste.

Neben diesem Themenbereich sind von Bedeutung populärwissenschaftliche Darstellungenfür Kinder, die auf Fragen der Kinder in der modernen technisierten Welt eingehen. Beliebt sind außerdem die klassischen chinesischen Märchen, Fabeln und Romane, die ein Fenster zu der traditionellen chinesischen Kultur öffnen.

Innerhalb der Vielfalt der Formen der Kinder- und Jugendliteratur entwickeln sich zweiSegmente besonders rasch: Bilderbücher und Comics. Bilderbücher, die in den westlichenLändern einen Hauptanteil der Kinderliteratur stellen, hatten in China lange Zeit eine sehr schwache Stellung. Statt dessen spielten für die jüngsten Altersgruppen grell illustrierteBücher mit Lehrcharakter für die Vorbe-reitung auf Kindergarten und Schule eine dominierende Rolle. Die Publikation einer Serie von neuen Bilderbüchern im Jahr 2000 durchzwei Verlage war noch mit großen Absatzschwierigkeiten verbunden. Erst seit 2003 wurdenmehr und mehr Bilderbücher angeboten, und ab 2006 schließlich zeigte das Publikum einehohe und ständig steigende Nachfrage. Dazu trugen massive Lese-Kampagnen von Verlagenbei wie die Gründung von Buchclubs in Schulen mit aktiver Beteiligung von Lehrern, insbesondere in den Grundschulen. Trotzdem besteht für diesen Bereich noch ein großer Weiterentwicklungsbedarf.

Die starke Entwicklung des Comics-Bereichs geht unter anderem auf staatliche Förderungsmaßnahmen zurück. Um die dominierende Rolle von Importen auf diesem Gebiet einzudämmen, unterstützt seit 2004 die chinesische Regierung die Entwicklung der chinesischen Animations- und Comics-Industrie. Auslösend dafür war die Beobachtung, dass in den zehn Jahren zwischen 1993 und 2003 statistisch etwa 46.000 Minuten Cartoon-Filme einheimischer Produktion entstanden waren, während nur in den vier Jahren zwischen 2000 und 2003 insgesamt 80.000 Minuten ausländischer Produktion importiert worden waren.

Das Finanzministerium und zehn andere Ministerien sorgen seit 2004 für Steuererleichterungen, Trainingsprogramme, Forschung und andere Unterstützungen der entsprechenden einheimischen Verlage. Mehrere Verlage widmen sich der Entwicklung neuerComics, und es wird erwartet, dass sich der Anteil dieses Sektors innerhalb des gesamtenKinderbuchsegments im Jahr 2008 von 13% auf 20% erhöhen wird. Die einheimischenProduktionen „Rainbow Cat“ und „Blue Rabbit“ wurden in nahezu 15 Millionen Kopien verkauft.

Dieses staatliche Eingreifen gilt jedoch nicht für die anderen Sektoren des chinesischenKinderbuchmarktes. Der Kauf von Lizenzen ausländischer Verlage spielt eine zunehmendeRolle. Ein großer chinesischer Kinderbuchverlag importierte z. B. zwischen 2001 und 2007 nicht weniger als 422 Titel. Von Bill Brysons „A Short History of Nearly Everything“ wurden über 120.000 Exemplare verkauft, ebenso ist Ian Douglas „Heritage Trilogy“ einErfolg in China, gar nicht zu reden von „Harry Potter“, dessen Bände in über 7 Mio. Exemplaren verkauft wurden.

Die rasche Entwicklung des Kinderbuchsektors geht einher mit einer oft oberflächlichen, aufUnterhaltung und rasche Publikation ausgerichteten Schreibweise zu Lasten des literarischenNiveaus, nicht zuletzt durch die Art der staatlichen Förderung. Kritiker in China beklageneine Kommerzialisierung der Literatur mit der Markteffizienz als leitendem Kriterium.

Zum Schluss noch ein Wort zum Verlags- und Vertriebswesen. A l l e Verlage in China sindstaatlich, private Verlage werden nach wie vor nicht zugelassen. Trotzdem ist der Wettbewerbauf dem Kinderbuchmarkt intensiv geworden, 530 Verlage drängen sich in diesem Marktbereich. Die Vertriebswege sind im Gegensatz zu den Verlagen selbst nicht ausschließlich in staatlicher Hand. Für einen Teil ihrer Auflage dürfen die Verlage den Vertrieb über private Unternehmen abwickeln. Entsprechend haben sich zusätzlich zu den staatlichen Buchhandlungen private Buchhandlungen etabliert.Neben dem Verkauf über Buchhandlungen entwickelt sich jedoch als der am schnellstenwachsende Verteilungskanal der Online-Verkauf. Z.B. verkaufte im letzten Jahr ein VerlagKinderbücher im Wert von 80 Mio. RMB (8 Mio. Euro) allein über eine der Online-Vertriebsfirmen. Online-Verkauf und traditioneller Buchhandel schließen sich jedoch nachEinschätzung der Verlage in China nicht gegenseitig aus, sie ergänzen sich und kommenKunden unterschiedlichen Kaufverhaltens entgegen.

Dr. Anna Zeeck, 2008 für © www.julim-journal.de

Die folgenden Links verweisen auf pdf-Dateien, die sich jeweils einem Schwerpunktthema innerhalb des Gesamtthemas China in der deutschen Kinder- und Jugendliteratur widmen.

 

http://www.ajum.de/html/j-j/pdf/0305_china02_bilderbuch.pdf

 

http://www.ajum.de/html/j-j/pdf/0305_china02a_gs.pdf

 

http://www.ajum.de/html/j-j/pdf/0305_china04-jugendbuch.pdf

 

http://www.ajum.de/html/j-j/pdf/0305_china05-abenteuer.pdf

 

http://www.ajum.de/html/j-j/pdf/0305_china-knesebeck.pdf

 

http://www.ajum.de/html/j-j/pdf/0305_china06_auto-biografische.pdf

 

http://www.ajum.de/html/j-j/pdf/0305_china03_rinteln.pdf

 

http://www.ajum.de/html/j-j/pdf/0305_china-sachbuch.pdf

 

http://www.ajum.de/html/j-j/pdf/0305_china_kindheit_in.pdf