Aus meiner Medienbiografie

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Kollegen der berufsbegleitenden Erzieherausbildung in Gera reflektieren, wie der Medienkonsum ihrer Kindheit und Jugend sie geprägt hat. Wir blicken mit ihnen zurück in die 60er/ 70er Jahre.


Fernsehen als Gemeinschaftserlebnis geschrieben von Petra Eichhorn
Meine Kindheit und Jugend verbrachte ich mit meinen drei Geschwistern auf einem großen Vierseiten- Bauernhof. Mit uns gemeinsam wohnten zwei weitere Familien mit je zwei und drei Kindern im Gutshof. Unser Dorf war mit Kindergarten, Polytechnischer Oberschule, Postamt, zahlreichen Geschäften sowie Bus- und Bahnstation gut erschlossen. Kulturelle Abwechslung boten die Gemeindebücherei und zwei Mal pro Woche zeigte der „Landfilm" für alt und jung im Dorfgasthof ein buntes Programm.
Meine Geschwister und ich besaßen einen übersichtlichen Bestand an Kinderbüchern. Aktuelle Kinderzeitungen wie „Bummi", „Frösi" und „Atze" hatten wir aber auch. Meine Eltern arbeiteten im Drei-Schicht-System und hatten nur selten Zeit uns aus Büchern oder Zeitungen vorzulesen. Unser einziges Medium in die „weite Welt" war das Radio, etwas anderes hatten wir in meiner frühen Kindheit noch nicht. Im Kinderhörprogramm liefen „Der kleine Pfennig", „Das Butzemannhaus" oder abends „Das Sandmännchen". Es war ganz meiner Phantasie überlassen, wie ich mir den Sandmann vorstellte. Ich weiß aber noch ganz gut, dass jedes Mal sanfte Harfenmusik erklang, wenn der Sandmann den Traumsand verstreute.
Im Jahr 1964 erhielt mein Großvater über die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft LPG einen Bezugsschein für ein Fernsehstandgerät. Da meine Großeltern von der neuen Technik nicht begeistert waren, kauften meine Eltern für uns den Apparat. Das war ein großes Privileg, denn nur wenige Einwohner unseres Dorfes hatten zum damaligen Zeitpunkt einen eigenen Fernseher. Für uns Kinder war das natürlich eine besondere Sache. Jetzt hatten wir unser Kino zu Hause. Bisher existierte das Sandmännchen in unserer Phantasie. Doch jetzt konnten wir sehen, wie es lief, sich bewegte und den Traumsand verstreute.
Wie berichtet, wohnten noch zwei weitere Familien mit Kindern in unserem Haus. Da sie lange Zeit keinen eigenen Fernseher besaßen wurde es zum Ritual, dass sie zu uns zum Abendgruß kamen. Jeden Abend, dreiviertel sieben Uhr, klopfte es an der Wohnzimmertür. Die Nachbarkinder kamen, gewaschen und gekämmt, mit Schlafsachen und Hausschuhen bekleidet zu uns, um das Sandmännchen zu sehen. Gespannt warteten wir alle gemeinsam darauf, mit welchem Fahrzeug uns der kleine Mann überraschte oder wer uns eine Gute- Nacht- Geschichte erzählte. Damals wie heute waren z.B. schon „Herr Fuchs und Frau Elster" oder „Pittiplatsch und Schnatterinchen" bekannte und beliebte Fernsehfiguren. Nach zehn Minuten Abendgruß schickte uns das Sandmännchen ins Bett. Es streute den Traumsand und winkte nochmals zum Abschied. Vergeblich hatten wir uns die Augen zugehalten. Es war Schlafenszeit... Wir verabschiedeten uns voneinander und jeder ging ins Bett.
Mit viel Freude und Spannung warteten wir Kinder aber auch auf den Samstagnachmittag, denn da kam „Professor Flimmrich". In dieser eineinhalbstündigen Kindersendung wurden Kinderfilme aus vielen Bereichen gezeigt. Ob Märchen, Abenteuer, Indianerfilme etc. Das waren richtige „Straßenfeger". Zur „Flimmerstunde" kamen neben den Nachbarskindern noch zwei weitere ältere Kinder aus unserer Straße zu uns, um mit fern zu sehen. Wenn uns jüngere Kinder dann der Film nicht interessierte, schauten die beiden allein bis zum Schluss oder meine Eltern setzten dem Kino ein Ende.
Nach „Professor Flimmrich" ging es dann auf unseren großen Hof oder auf die Straße. Da wurde der eben gesehene Film unserem Dorf angepasst. Nun waren wir die mutigen Helden oder schönen Prinzessinnen und die Szenen wurden nachgespielt.
Schlussbemerkungen:
Nach und nach besaßen immer mehr Einwohner unseres Ortes einen eigenen Fernsehapparat. Die Freundschaft zu den Nachbarskindem hatte auch im Jugendalter noch lange Bestand. Heute, als Erwachsene, erinnern wir uns gern an diese Zeit unserer Kindheit zurück.
PS. Im Oktober 1969 brannte eines Abends unser Fernseher aus. Die folgenden Nächte waren wir bei unseren Nachbarn untergekommen. Aber dies ist ein anderes Kapitel meiner Biographie