Desina Verlag, Oldenburg

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2007 gegründet: Der Desina Verlag

Auf die Frage, wie man in der heutigen Zeit der Verlagsaufkäufe und -konzentrationen denn so mutig sein kann, einen eignen (kleinen) Verlag zu gründen, antwortet die Verlagsinhaberin Dr. Anna Zeeck mit einem Zitat des Börsenvereins, das sinngemäß lautet: Ohne die Kreativität und das Engagement gerade der Kleinverlage wäre die kulturelle Vielfalt an Büchern [...] nicht möglich. Dennoch vorweg: Hut ab vor dem Mut zur Verlagsgründung, die ja auch finanzielles Risiko birgt.

Das Konzept für den Beginn ist eindeutig „international“: Russische Literatur, Märchen von „Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi“ übersetzt und in Bilder gesetzt, die unsere Vorstellung von „der russischen Seele“ in etwa treffen oder sogar übertreffen. Gerade die Bilder machen es leicht, diese Märchenwelt und ihre Moral in unsere Welt mit hinein zu nehmen.

Als ob Frau Zeeck diesen Beginn geahnt hätte, berichtet sie vom nächsten Projekt, nämlich von einer Bebilderung des Reineke Fuchs (in zwei Teilen) des deutschesten aller Dichter, Johann Wolfgang von Goethe. Aber so leicht lassen wir uns nicht von dem internationalen Aspekt abbringen, denn Frau Zeeck selbst ist Teil davon: Vor der Zulassung zum Bachelor-Studium musste sie zwei Jahre Arbeit „auf dem Land“ leisten, denn die „große proletarische Kultur-Revolution“ versuchte, China umzukrempeln (1966 bis ca. 1976 – eine gute Übersicht über diese Zeit und die Hintergründe bietet der Wikipedia-Artikel zur Kulturrevolution.)

Zunächst eine zweijährige Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule, danach ein Studium der Anglistik (und der entsprechenden Literatur) an der Henan-Universität in Keifeng war und ist bestimmt recht ungewöhnlich zu dieser Zeit.

1987 verlässt die heutige Verlegerin mit Hilfe ihres Mannes China und erweitert hier ihr Studium (Anglistik und Politikwissenschaft), schließt mit dem Magister ab und wird in Oldenburg an der Carl-von-Ossietzky-Universität promoviert (Politik). Dass während des Studiums hier auch noch die Kunst ins Spiel kam, ist sicherlich ein weiterer Auslöser, sich für die Sache der Bilderbücher zu engagieren.

Sprachprobleme? Gibt es nicht! Im Gegenteil – Exotik ist immer fruchtbar. Der Ort des Verlags liegt im Nordwesten Deutschlands, in Oldenburg, kurz vor Ostfriesland also. Konkret wurden Büroräume usw. im Technologie- und Gründerzentrum (TGO) angemietet. Das ist insofern bemerkenswert, als das TGO bereits zum zweiten Mal mit einem Preis ausgezeichnet wurde wegen seiner Innovation und der glücklichen Ansiedlung von Neugründungen, die sich gegenseitig helfen, fordern, „befruchten“. Das kann ein junger Verlag gut gebrauchen. Von hier aus wird geleitet.

Wie beginnt man die „Geschichte“ eines Verlags? Man braucht Autoren und Illustratoren, sowie nicht nur eine kleine Ahnung vom Geschäft. Dazu kommen: Ein Auslieferungslager, Verlagsvertretungen in den Bundes- und den benachbarten deutschsprachigen Ländern, eine Webseite (www.desinaverlag.de), Präsenz auf den Buchmessen (Frankfurt im Herbst, Leipzig im Frühjahr).

Weiterhin muss gerade zu Beginn nicht nur ein einziges Buch hergestellt werden, sondern möglichst mehrere zugleich. Das bedeutet von Beginn an (noch ungewohnte) Lektoratsarbeit und (fast) ununterbrochen das Treffen von Entscheidungen. Die beginnen nicht erst bei der Kritik der Illustrationen, das Buch muss gegliedert werden, die Farbenfrage ist zu klären, zumal selbst im digitalen Zeitalter die Farben nicht immer eindeutig zu benennen sind. Hier erscheinen sie so, dort nuanciert aber evtl. nachhaltig anders. Dazu kommen Umschlagsfragen, Serien=Wiedererkennungs-Gefühl, Rahmen, textile Anteile, handfreundlicher Deckel. Die Gratwanderung zwischen Besitzer- und Käuferschicht ist zu lösen.

Der Verlag beginnt mit drei Märchen / Geschichten von Tolstoj und verleugnet also – zu Beginn wenigstens nicht – sein pädagogisches Interesse. Herr Zeeck wies während des Interviews darauf hin, dass Tolstoj in der Mitte des 19. Jahrhunderts aus reformpädagogischen Gründen Mitteleuropa bereiste und dort diverse Künstler und Pädagogen traf, um nach seiner Rückkehr sogar einige Schulen einzurichten. Tolstoj: Wenn ich eine Schule betrete und diese Menge zerlumpter, schmutziger, ausgemergelter Kinder mit ihren leuchtenden Augen ... sehe, befällt mich Unruhe und Entsetzen, ähnlich wie ich es mehrmals beim Anblick Ertrinkender empfand. Großer Gott -- wie kann ich sie nur herausziehen? wen zuerst, wen später? ... Ich will Bildung für das Volk einzig und allein, um die dort ertrinkenden Puschkins, ...Lomonossows zu retten. (zitiert nach Wikipedia)

Die Idee, „alte“ Literatur mit „neuer“ Illustration zu mischen, ist zwar nicht neu, hat aber noch viele Facetten offen, die in den oben bereits genannten Kriterien sich wiederfinden lassen. Dabei stützt sich der Verlag neben den Klassikern (Tolstoj/Goethe) zunächst ausschließlich auf zwei Personen: Heinrich von Garz ist Nach-Erzähler der russischen Märchen und von Goethes Reineke Fuchs, Lara C. Hannemann ist Illustratorin – ein Pseudonym (wie der Verlag zugestand), aus dem norddeutschen Raum, zuvor noch nicht als Illustratorin hervorgetreten. Dabei ist – wie wir noch sehen werden – das „Sich- Verstecken“ nicht vonnöten, jedenfalls nicht aus Gründen der Bescheiden- oder Unsicherheit, denn schon sind wirklich wunderbare Bücher entstanden, die nicht nur Erwachsene (aber auch) gern in die Hand nehmen. Auch wiederholt.